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2020

Ein Gedicht für die Woche…

43
Im Regen
Im Regen
sind Blätter gefallen
viele nicht alle
apart verteilt wo ich gehe
eine Art nobler Teppich

keine Blätterhaufen
nicht die Raschelwälme
für Kinderfüsse

heute Morgen
passte dazu 
ein kleiner Schuss 
Herbstmelancholie

böte die Welt
nicht schon wieder
Bilder wie wir sie 
von früher kennen

mir bleiben 
Wut
und die kleine 
Freude am Herbstlaub

42
Ohne

Ich möchte einen Text schreiben 
ohne Pointe
eine kleine Wörterwanderung nur
hoffend
auf heitere Ausblicke
obenauf
spekulierend  auf Einsicht
vielleicht
auf Wörter worauf 
sich bequem sitzen lässt
wenn nicht gar schlafdösen
aber nichts Stachliges
keine nervösen Zickzackwörter

41
Belangsloses

Rheumatismen 
rote Augen Jucken
abgeschmettert

Anfragen
zuklappen

die Tage werden kürzer
fünf Bücher noch nicht gelesen
soll ich das einfallende Dunkel
schon Nacht nennen

andernorts 
schiessen sie 
wieder

40
Kranker Freund
Umgeben von Malfaisants 
korrupten machtgeilen Regierenden 
umzirkelt von Jemanden mit
weissen Sneakers coiffierten Bärten

kommt einen die Lust an zu Spässchen 
farbige Socken sind kein politisches Statement

weckt keinen Hund auf
stürzt keine Regierung
hilft keinem Flüchtling
ist bloss dumm hilflos

ich besuche jetzt 
meinen kranken Freund

39
Sprich
Verlangsamt 
die fliessende Leichtigkeit 
der Sätze
von Frühling und Sommer

Wörter 
im Netz
von schon Gesagtem
öde und blass

sag nein
sprich die Wärme
der Herbstfarben

38
Noch da
Vom Sprungturm springen
Kinder
mutig verspielt furchtlos

so schön ist das Leben

wie lange ist das her

etwas Heiterkeit von damals
ist noch da
auch wenn ich nicht mehr springe

37
Vorbei
Vorbei Sommer
vorbei Jahre
vorbei

freundlich ist sie
wehr dich nicht

hock dich aufs Pendel
lass dich wiegen

schaukle 
irgendwann enden
Schmerz und Glück

vergiss vorbei
schaukle

36
Trumps Wählerpotenzial

QAnon u.ä./ Trump: «Ich weiss nicht viel über die Bewegung, abgesehen davon, dass sie mich sehr mögen. Wie ich höre, lieben diese Leuteunser Land.»

Es giesst als leerte sich über uns
ein Pool der Überirdischen
es mögen des Satans Kumpane sein
die dort tollen

er ist wieder in Mode

lenke
geheime Klubs 
gierend nach Weltbeherrschung

das ganze Arsenal alter ekliger Theorien
wird flott kolportiert fromm geglaubt
nicht bloss in USA

speiübel wird mir dabei
ich kenne die Geschichten
todbringende 
ich weiss um die Gemordeten

dumpfe Dummheit erdenkt sich einen Satan
schleicht sich so aus der Verantwortung
für das
wozu wir Menschen fähig sind

Srebrenica und Holocaust

35
Wenn möglich leicht
Ein Federchen am Boden
am Eingang zu Rehatechnik

habe vor 
auf eigenen Beinen
weiterzuleben

habe vor 
auf eigenen Beinen
weiterzuleben

federflaumig nicht
wenn möglich jedoch
ohne Bandagen


34
Schleuderkurs
Der Anruf
des leidenden Freunds
lastet

noch klingen
Lachen und Heiterkeit
von gestern

Hochzeitstafel
Krankenbett

Schleuderkurs

gefragt 
ungefragt
mittendrin

33
Gebälk 

Es knirscht und knackt 
in Schulter und Nacken

kracht 
wie das Gebälk
im Haus wo ich einst wohnte

das Haus 
lebt weiter ohne mich
es wird mich überleben

bis auch es 
zerfällt 
in Asche wie ich

32
Hier ist nicht dort
Die Hitze ist gewichen
die knallende Helle auch
es atmet sich leichter

geschwunden ist
was an Mittelmeergefühl
sich breit gemacht

geblieben eventuell
ein Sehnsüchtlein
nach Salz und Wellenrauschen

und die Einsicht
diesem Sommer zu Trotz
hier ist nicht dort

Intermezzo zum Nationalfeiertag

1. August, Nationalfeiertag

…wieder einmal anpacken und zufrieden sein, dass wir hier leben dürfen.

31
Geparkte Autos reflektieren
Oben
im hellen Rechteck
an der Stubenwand

tanzende Figuren
übereinander geschoben

Schatten
Rebenlaub Rebenranken

luftlichtige Illusion
im Flirren
verbleichend

30
Sachlich 42×56 33×41 24×30
Passepartouts mit Rückkarton
alle säurefrei 70×100 60×80
gratis abzugeben

Reaktion null

niemand will
Gesicht zeigen
heutzutage

will sich niemand
chic gerahmt sehen

Maskenbluff
wie üblich
aber sofort
säurefrei und steril

man zeigt
jetzt die Füsse
Schuhnummern als
Freundlichkeitsquotient

abzugeben auch
diverse Löschpapiere A4
Plexigläser 15×24
als Masken- oder Brettersatz

29
Marias Seufzer
Sie ist gestorben
jetzt muss ich
die Uhr aufziehen

sie war besorgt
für die Zeit
ich für das Geld

jetzt hängt die Zeit
nur noch an mir
bis ich sterbe

28
Überlegen
Stelle dir vor
die Schwebefliege
schaut dir in die Augen
wartet auf einen Satz

du sagst ihn nicht

sie wundert sich
über deine Unfähigkeit
ins Gespräch zu kommen

ist ihr Mimikry
nicht Aufforderung genug
zu fragen

wer bin ich   bist du

deine Ignoranz
hält dich für überlegen
der Horizont ihrer Art jedoch
ist ein anderer

er liegt Millionen Jahre
vor deiner Art

27
Quelque chose approche                     (Christiane Veschambre)

Etwas
wird

wird sich
öffnen ohne Zutun
aus dem Schatten gleiten
aus der Hitze tropfen

pulsieren
langsam

fallen wie ein Kiesel
und bleiben

fliessen
fliessen

du wartest  bis
es dein Etwas ist
keines andern

26
Dilemma des Agnostikers
Ich habe im Halbschlaf

über Schwebefliegen nachgedacht
ich nehme mir vor über sie zu schreiben

beim Frühstück im Garten
steht eine direkt vor meinen Augen
Stehfliegen ist ihr anderer Name

das Kostüm ähnelt den Wespen
sie sind aber nicht stechend
sie seien Nützlinge heisst es

Falter Mücken Florfliegen
sind mir in letzter Zeit
unerwartet nahe

bewundernswerte Tiere
oder soll ich sagen
Geschöpfe

25
Totentänzlein

Nun
tanzen wir weiter
als wäre nichts gewesen

die Pest ist vorbei
erwischt hat sie andere

heute rot morgen tot
so war’s schon immer

24
Wünschlein

Die Ausdauer
des gurrenden Täuberichs
möchte ich haben
und das Lied der Amsel

23
Gedanken schauen
Müde

coronablockiert quasi
suche ich
für meine Gedanken
Anderes
Aufgaben oder Spielwiesen

flögen sie wie der Weih
Wahnsinns Perspektive

lass das

da sitzt
eine kleine Fliege
eine sehr kleine
tupft mit ihrem Rüsssel
meinen Zeigefinger sauber

gedankenverloren ich
sie auch
scheint mir
ich schaue bloss

22
O Tempora
Glockengeläut

wenn überhaupt nur zaghaft
Liturgie in leeren Kirchen
und Schau-Abendmahl

abgekartet
von gottlosen Geheimbünden
heisst es und schon
haben wir die neue Religion
mit lauten Anhängern
die wissen wo Gott hockt

endlich
Halt
in gottfernen Zeiten

21
Geerbt

Geerbt eine Tischdecke
mit einem Muster
wo rote gelbe grüne Linien
weisse Felder umfassen

beim Bügeln dieser Tischdecke
bin ich abgedriftet

habe zwischen den Linien
Gärten wachsen lassen
mit sprechenden Blumen
Gärtchen voll Vogellieder
einen Brunnengarten
spiegelnd Himmelsblau
und Sternennächte

Grossmutter
lass mir die liebe Illusion
schon du habest
diese Gärten geträumt

20
Weg damit
Heute
habe ich Erinnerungs-Alben zerschnitten

habe Fotos weggeworfen
wusch fort mit Ausstellungsbelegen
mit Schülergedichten aus den 60ern
mit Anerkennungs- und Danktexten

wie frei es sich atmet
unbelastet
zum Apéro und zu Tisch

dann
geht’s es an die kostbaren Stücke

weg damit
was soll der Brief das Bild
dein Herz hängt nicht mehr dran
und deinen Nachkommen wird’s egal sein

über die Schulter
werfe ich nette Tage
Hübsches in den Eimer

mir bleibt genug
Freundinnen und Freunde>
Kuss und gutes Wort
euch behalte ich

und dich meine Liebe

19
Altersweisheit und Güte

Zurückgebunden durch Corona
verführt durch die freie Zeit
habe ich in Stössen alter Fotos gewühlt

Grossvater samt Tabakpfeife
mit Grossmutter auf der Bank
umringt von Kindern

gemütvolle Szene
eines verdienten Lebensabends

längst habe ich aufgegeben
Tabakpfeife zu rauchen

was gebe ich für ein Bildchen ab
mit Ruhe Herzlichkeit Mitgefühl

ein gemütvolles
für die Nachkommen

in Radlerhose und Sneakers
auf den Lenker gestützt
lächelnd

rüstig in Berglermontur
mit Alp Hintergrund
lächelnd

am Schreibtisch
konzentriert mit Laptop
aber gütig lächelnd

vielleicht

18
Verstehen

«Dabei ist das Nicht-Verstehen ja nicht die Ausnahme, sondern die Norm des Lebens»
Fritz Senn in NZZ 21.1.11

Wie nun ist das zu handhaben
ich ergebe mich
nixverstaan
keine Frage mehr

vor Augen
den möglichen Zusammenbruch
unseres Finanz- und Wirtschaftssystems
weiter fragen

die Nachmittagssonne
legt mir
Blickwechsel nahe

aus dem Spalt
zwischen Steinplatten
ein bescheidenes Büschelchen
Veilchen

17
Seuche und kein Ende
Der Himmel ist blau
das Wetter ist schön
es geht etwas Wind
es ist ruhig Johann W.

relaxed im Garten
geniesse ich
Stille und Bläue

Ostern

kein Pudel ist in Sicht
der Teufel kreist
als Pleitegeier

der Nachbar weiss nicht
ob und wie
sein Laden überlebt

lieber Goethe
hast du vielleicht Kontakt
zu einer netten Dame droben
die dem Chef den Satz entlockt

ihr seid gerettet

würd mir echt helfen
diesen Frühling weiterhin
zu schätzen

16
Wo nachschlagen

Grossartig überwältigend
oder ähnlich
passt für diese Frühlingstage
man möchte die ganze
Welt Natur Landschaft
oder ähnlich
einatmen umarmen
in sich neu aufstellen
oder ähnlich
in Herz und Seele
einen blühenden Garten
eine Blustbaum voll Vörgel
wachsen einfallen lassen

oder ähnlich
wo soll ich nachschlagen
um definitiv
die richtigen Wörter zu finden
für diese Tage

15
Gleichgewicht
Bilder für
das Gleichgewicht
zwischen innen und aussen

diese Tage nun
machen Metaphern unnütz

du brauchst
etwas zu essen zu trinken
was auch immer
Brot Wasser einen Apfel

eine Stimme
aus dem Telefon
sagt ich höre dich

was morgen sein wird
ist offen
alles nur jetzt

14
Freundlicher Gruss aus der Isolation

Die Virus Seuche geht um
wär ich jung würds mich nicht kratzen
ich bin alt da beginnts zu denken
steht der Tod schon vor der Tür
und klopft

Ick stehe uff und kieke,und wer steht draussen? Icke.

die Berliner Klops Zeile trifft es
Salto rückwärts
so oder so
ich bin auch er

Freunde so ist es

Und das ist die ganze Klops-Zeile:
Ick sitze da und esse Klops. Uff eenmal kloppt’s. Ick sitze, staune wundre mir, uff eenmal jeht se uff de Tür. Ick stehe uff und kieke, und wer steht draussen? Icke.

 13
Virale Langeweile
Leere Agenda
viel sehr viel Zeit

Langeweile ohne Grenzen

leere Regale
leer Reis Nudeln Mehl

nein niemand hungert

Toilettenpapier alles weg

vielleicht hilft zählen
gegen die Langeweile

250 Blätter pro Rolle

12
Worum geht es
Die Augen brennen

das Knie knirscht
ich bin lustlos

das Leseprojekt ist abgesagt

Viruspanik grassiert

worum geht es

alle Menschen sterben
immer sterben Menschen
alte Menschen sterben eher als junge

worum geht es also

mein Knie knirscht
so oder so

jetzt
habe ich Zeit

11
Nach Hause

Auf dem Heimweg
sah ich
zwei dürre Blätter
am Strassenrand

kurze Windstösse
liessen sie
drehen und hüpfen
eins übers andre
spielen als wäre es
ihr Leben

zu Hause
im Briefkasten Werbezettel
ein Händler möchte
mein Auto kaufen
ich habe keines

auf Zettel zwei will
ein Unternehmen
mich beim Umzug unterstützen
ich will gar nicht umziehen

der dritte Zettel droht
Du bist schuldig vor Gott
Richtschwert und Bibel

im Bild verheissen
mir Hölle und Vernichtung

ich denke
an das heitere Spiel
der Blätter
und sage danke

10
Der verflixte Virus

Herta Müller erzählt eine kleine Episode, wo ihr ein Taschentuch
als saubere Sitzfläche auf einer Treppe diente.

In meiner Kindheit musste ich in der Schule montags
ein sauberes Taschen zeigen können

Heute soll jedermann beim Niesen
ein sauberes Taschentuch vor Mund und Nase halten

Hätten wir kein Burkaverbot wäre heutzutage
der Corona Alltag bedeutend einfacher

9
Roch

Heute Morgen habe ich
den Vogel Roch
gesehen
aus dem Zug
am Himmel kilometerlang
was für eine Gewalterscheinung
hilfreich drohend

sticht mit langem Schnabel nach Westen
unglaublich zart gefiedert aber riesengross
schiesst dahin zielsicher                      

um mich
alle mit Laptops und Handys
keiner sieht den Vogel
keiner bemerkt
dass er jetzt genau jetzt
die Lebenschance verpasst

auf den Flügeln des Roch
endlich
das Land der Seligen zur erreichen

8
Sturm
Wie wohltuend                               

hie und da ein Sturm
wie in diesen Tagen
bricht Abgestorbenes
aus Baumkronen
wirbelt es durch die Luft
wirft es hin wie es gerade passt

und ich bewundere
die Bruchstücke
ihre bezaubernden Flechten
die Moose die bizarren Gebilde
als wäre ein pfiffiger

Dekorateur am Werk gewesen
mir zuliebe

7
10.Februar Orkan Sabine

Aus den Herbststürmen meiner Jugend
sind Winterstürme geworden
stelle ich fest

was steckt noch im Alter

gewaltige Böen
schütteln die Fichte am Hang
aus den Ästen
Sturm Musik

bitte brich nicht

Wolkenberge rasen

morgen
soll der Sturm vorbei sein

6
Probleme

Probleme
sind genug da
echte
ob ich noch leben möchte
in der übernächsten Generation
ich weiss nicht

meine Katze äussert sich nicht dazu
sie frisst spielt und schläft

ich schreibe schon mal ein Klagelied
das entlastet

natürlich nützt das niemandem
ausser mir

ich bin ein Schönwetterphilosoph

5
Ach ja so war es
Erinnern

schwächelt
es mag am Alter liegen
allerdings
unerwartet schieben sich
Bilder Szenen vor
versunkene

ach ja so war es
war es so
war es
gestern oder damals

geschwätzige Alte
erzählen wieder und wieder
was sie glauben erlebt zu haben

flüchtige Bilder
Gedankenfetzen
Echos nur

4
Aus dem Fenster im Zug

Wolkengeschichten
mit fantastischem Personal
Drachen Riesenschnecken
Schweinerüssel
Schädel mit irren Physiognomien
gebläht aufgepumpt
im Handumkehren zerfallen
die Nase wird ein Schnabel

das Auge ein Rachen
schon wächst ein
Fisch zum Hasen türmt sich zum Elefanten

ich habe Stift und Block nicht bei mir
schade

3
Kalender Text
Gewidmet meiner Frau und allen Liebenden ob alt oder jung

Wir zählen die Tage nicht
an denen du mir fehlst

die Tage gehen so oder so
wir zählen sie nicht
nicht mehr

mag sein
dass sich manches verliert
langsam schwindet
was uns lieb war

so suchen wir nach Bleibendem
das uns hält 
und uns freut einander
in die Augen zu blicken

wie immer die Tage kommen
dass du da bist
gibt ihnen Gewicht

2
Scherbenhaufen

Meine Scherben
von Glas und Flaschen
brächten Glück

ich bin gespannt

der prachtvolle Wintertag
heute
verheisst alles

die TV News jedoch
schütten
nur Scherben

1
Allen
Allen die mich mögen ein Lächeln

ein Augenzwinkern den Kritikern
Prost und zum Wohl
aber allen

 

das war 2019…

52
Aus Kindertagen
Was wünschte ich zurück

aus meinen Kindertagen

den Tannenbaum im Kerzenlicht
den Gabentisch
rundum Schwestern und Brüder
alle
die Mette

ich wünsche nichts zurück
als liebe Erinnerung
füg ichs zu vielen andern
und

lass ich es in mir ruhen

51
Konstanz im Advent
Klimperdiklimper

Räuchlein hier
Weihräuchlein dort
Kerzengeflacker
Lebkuchendurft
Bratenrauch

herzhafter Biss
ins Dünnele

50
Wintermond
Ich mag das Dunkel

und ich mag das Licht

hinreissend
der Vollmond
in der Winternacht

49
Lyriktrümmer aufgereiht
Dem Wald
mit
Haut und Haar
weichen
Schrittes

Windsäuseln

dem Fluss bis ins Meer
oder
dem abweisenden Fels
immer
den weichen Hügeln
zarten Brüsten der Erde

vor allem
dem Kinderlachen

48
Vielleicht die Sterne

Setzen Sterne
den Rahmen
Kühle und Weite
von Schönheit

woher
der Reiz
von Düften
von Farben
von Klängen

unterschiedlichen Gewichts
angeboren
gelernt
gegeben

wer hat mich so eingerichtet
Herkommen
Landschaft
der Tag der Geburt

ein heller Ostermorgen
muss es gewesen sein
dass ich den Farben anheimgefallen bin

47
Nimm die Farbtabelle

Der Himmel brennt
brennt natürlich nicht
sonst wär er Hölle
nun aber
der Himmel brennt
so schaut er aus

der Herbst
wühlt in der Zauberkiste
und präsentiert uns Feuer
vor honiggelbem Firmament

grad jetzt
in einer halben Stunde
wird’s Aquamarin
mag sein Türkis
eventuell mit schwarzem

Wolkendrachen der Feuer speit
bedrohlich
im Wechsel mit Aztekengold

46
Die Spatzen                 (ein Geburtstagsgedicht für den Enkel Serafin)
Der Spatz der hats
im Herbst noch lustig
er pickt und frisst
er fliegt und saust
durch die Büsche

und manchmal
streitet er mit Kollegen
und zwar laut

kommt der Winter
wird es kalt
da frieren auch die Spatzen
sie plustern de Federn
und hocken nah zusammen
so haben sie warm

ich sitze wie die Spatzen
zu denen die ich gern hab
und die mich lieben
so haben wir warm

45
Die grosse Freiheit

Leere Stühle
noch Platz also
wollen wir uns setzen

drückt in den Schenkel
Kissen also
bitte

thronen
sitzen
hocken

Stuhl sei Dank

aufstehen
und weg

wir sind so frei

44
Kleine Freude
Die warmen Herbsttage

mochte ich schon immer

ich warte auf die Novemberstürme
mit Blätterregen und frühem Frost

wie viele Male habe ich das erlebt
immer mit etwas Herzklopfen
in der Vorfreude auf lange Leseabende

43
Ritornell

Wieso ertragen wir
die Dummen und Frechen

an den Hebeln der Macht
wie haben sie es dorthin geschafft

hinauf oder hinunter
Machtrausch Machthölle

wieso ertragen wir
diese Dummen und Frechen

wir lieben
frischen Wind um die Stirn
freien Geist
Füsse auf festem Grund

wieso ertragen wir
die Dummen und Frechen

42
Am Ende                                           für + V. St.

Gehen
den Käfig verlassen
den selbstgefertigten
Zimmer Haus
Freunde

auf und davon
ausziehen
neu einkleiden
eintreten
ins Unbekannte
heiter und frisch

neu siedeln

wird schon werden

41
Noch mehr Fliegen

Mit neugierigem Respekt
betrachte ich
jene winzigen Fliegen
kaum grösser als ein Punkt

sie fliegen kopulieren fressen
in Scharen überfallen sie meine Küche
flüchten blitzschnell
will ich sie erschlagen

wie rasch doch mein Respekt
mutiert in Mordlust
wunderlich
fast schäme ich mich

40
Terra incognita
Noch sind
Landstriche zu erkunden
sie liegen zwischen den Sätzen
wirf deine Wörter
verschwörerisch
setze Sätze
Wörtertürme
lege
Wortgirlanden
zwischen die Zeilen

39
Fortsetzung mit Fliege

Die Sache mit den Ahnungen
von Herbst Winter etcetera
hat s ja in sich       

sind diese Ahnungen eine Art
jahrzeitliches Bauchgefühl
oder

rumort es im Dichterbauch
nostalgisch nach Rilke

ach ein wenig Vergänglichkeit
hübsch morbid
passt zu Nebeltagen
zu älterem Jahrgang
und klingt verdammt ernsthaft

andrerseits
Fliegenleben sind kurz
meine sympathische Fliege
wird den Winter nicht überleben

38
Eigenartig Rührung
Eine schlanke Fliege

erkundet meine Hand
unerschrocken

sie scheint interessiert
und lässt sich kaum stören
durch meine Bewegungen

kümmert sie sich
um mich
ich bin irgendwie berührt

ist es mein Alter                                 
oder
die Ahnung von Herbst
vielleicht eines ungewissen Winters

37
Mindestens
Täglich

die Pflicht
unaufgeregt
zu schauen
nachzudenken
nachzufühlen
und
furchtlos
sagen und tun
was ansteht

36
Innen und aussen

Allerhand
Sammelsurien
Berge von Weissichwas
über die Jahre
aussen
und
innen
die Sehnsucht
nach der Weite des Meeres
dem unendlichen Himmelsbogen
klingender Stille

35
Zwei und zwei

Zwei Kätzchen
zwei Mädchen
ah und oh

Amseln zetern
das Goldhähnchen
entwischt unter Stauden
golden und rot
oh

Kätzchen im Haus
Mädchen im Haus
ah


34
Die Stiefel
Wer besässe nicht gerne

die fabulösen Stiefel die
im Hui dich bringen von
da nach da
gegen alle Vorurteile
den Tritt in die weissen Flecken
deiner Biographie
hin und zurück
in Riesenschritten

33
Jetzt
Die Zeit wird knapp

das Ungewisse
ist das Gewisse
das Neue
ist schon
alt

32
Guten Morgen

Neben meinem Ohr
schnurrt ein Kätzchen
brummt ein Bär
knurrt im Traum der Löwe

ächzt die Haustür
seufzt der Stuhl

pustet pfeift und schnauft
hier dampft die Lok von Lukas

jammert das Täubchen
gurrt und gurrt der Tauber

ein Riesenschnarch
da knallts
und knattert wie ‘s Motorrad

guten Tag mein Schatz
da bist du wieder liebes Herz

31
Boot im Hafen

Netz
Drahtgeflecht
Lichtspiel
in ständigem Wechsel
auf der Bordwand

lichtadern

Lichtgarn
geknotet geknüpft

bleibt
keinen Lidschlag lang

Lichtspielzauber

30
«Trockenheit bahnt sich an»  
                                                      Meteo SRF

Da
Äcker mit lahmem Gemüse
Schrunden Risse in der Krume
staubige Steppen

Strohwiesen

oder Wüste

schöne Wüste
unglaublich schön
noch sind da Bilder

sanfte Sillhouetten
Dünen als Akt

bizarre Felstürme
Tore Galerien Brücken

Sand
ocker porphyr henna
marmorweiss

Anthrazit Steinfelder

Antilope Giraffe Elefant
Rinder Jäger
auf Felsen
gezeichnet gehauen

Weite
und Stille
berückend und erhaben

was steht bevor

29
Der See heute

Hinter
hellgrünen Matten
der See
heute in Aquablau

oder ist es
Gletscherblau
vielleicht Vintage Light Blue
doch nicht etwa
Türkis oder Ozeanblau

auf keinen Fall
Kornblume und Himmelblau

auf jeden Fall aber
ein ruhiges Blau
und eigenartig
irgendwie überraschend

28
Schalter geschlossen     (für E.B.)
Nach
irgendwo und nirgendwo
gibt’s heute keine Karten
du musst warten

vielleicht ist morgen
eine da
nach überall hin
und zurück
das wär ein Glück

die Karten nur für hin
die gibt es nicht
für dich
noch schwingt das Pendel
hin und her

27
Sommerabend

Laut singend
duellieren
zwei Amseln

Mauersegler
zersäbeln
den Abendhimmel

unverletzt
blau
wartet
das Firmament
auf den ersten Stern

26
Ohne

Spazieren frühmorgens
alle mit Hund
ich ohne
die alte Dame
nuschelt Unverständliches
klingt aber kritisch
mache ich mich verdächtig
ohne Hund

25
Nicht das Ende

Der Rhein tritt über die Ufer
der Dauerregen
spült deinen Schmerz nicht weg
lass dein Herz nicht ersaufen
man sagt bald werde es hell
und Blätter richten sich wieder auf
das Ticken des Tropfenfalls endet
morgen siehst du die Lastkähne wieder

24
Pfingstsamstagskonzert
                                                   Komm Heiliger Geist (BWV 651)
Die Dame vor mir
liest im Bund
von SPD Krise und Trump
ich sehe es aus den Titeln
wir sitzen im Chor der Kathedrale
da plötzlich fegt
Bachs Komm Heiliger Geist
allen Mief aus dem Raum

23
Wörtersortierer

Wörter auf Linien setzen
eines manchmal zwei drei
stundenlang
wieder streichen und neue setzen
ein Stotterer
bis zum letzten Satz

22
Aktuelles auf dem Pult

Einladung zu Vernissage
Einladung zu Künstlergespräch
Einladung zu Buchkauf
Einladung zu Freilicht Ausstellung
und
drei Einladungen zu Essen und Wein

21
Mein Haustier

Ist klein
sehr klein
hat sechs Beine

hängt sich an die Zarge zum Esszimmer
auch an den Schirm meiner Mütze
baumelt und kraxelt blitzschnell hoch
am unsichtbaren Faden

Guten Morgen
Gruss am Mittag
zwinkert gute Nacht
denk ich

20
Wo ist der Gärtner

Die krausen Blätter auf hohen Stängeln
versprechen mehr als eine Mahlzeit
mit köstlichem Grünkohl

das Gärtchen an der Scheunenwand
hie und da sah ich den ältern Herrn
mit Bedacht darin arbeiten

heute überrascht mich eine gelbe Wolke
Blüten über Blüten des Grünkohls
wo ist der Gärtner geblieben

19
Postkarte im Mai

Auf meinem Arbeitstisch
die Venus von Giorgione
entspannt dösend
ich seh sie gerne
entspannt fast so  wie sie
in unerotischer Heiterkeit

18
Ich hingegen

Kirschbäume in Blüte
es regnet nein es giesst
wie unpraktisch
die Natur
ich gäbe da
ein mildes Regenchen
mit genügend Sonne

17
Über mich selbst

‘Ob du dir selber ein paar huldvolle Verse ge(ver-)dichtet hast’
nein

habe ich nicht
huldvoll schon gar nicht
verdichten
tun sich in meinem Alter

bloss allerhand Leitungen in Bauch und Kopf
gesegnet und
mit grösstem Dank bedacht seien

nicht huldvoll sondern herzlichst
all jene die
noch durchlässig sind
von Schädel Kehle bis Darm und Zehe

16
Was hoppelt da

Im Frühling
möchte ich dies verschicken
mehrere Streifen Horizont in Türkis
drei Strophen Amsellied
von verschiedenen Sängern
dazu Meisenzirpen
Günsel und Dotterblumen
Bärlauchdüfte
und einen eiligen Osterhasen

15
Wenig

Man wünscht mir
langes Leben
Gesundheit und mach weiter so

ich wünsche mir
klaren Kopf für diesen Tag
und eine Hand
übers Haar zu fahren
wen ich liebe

14
Wieder

Blätter
Blüten
der Duft der Südbuche
Meisen in den Rosen

auf Rollschuhen
Mädchen

13
Trümmer

Wer rettet
Schönheit
aus tausend Jahren

Herkules
sortiere die Trümmer
und baue

12
Letzter Blick zurück
                                      für Monika Schmid
Die Welt von gestern

geistert durch deine Träume

dein Vater
deine Mutter haben sie gekannt
haben gewusst wo Gott hockt
an ihrer Hand bist du
gewandert
durch Himmel und Hölle
durch den Rosenkranzgarten
zwischen den Erdbeerbeeten
und Kopfsalatalleen
im Flüstern des Engel-des-Herrn
und in der Furcht vor Stalins Kommunisten
Kronzeugen gottloser Verlorenheit
und sexueller Haltlosigkeit
gegenüber jedoch
die sichere Ruhe     
des päpstlichen Ostersegens
der sonntäglichen Messe
samt Pfarrer und Kaplan

nun bist du alt
Geduld am Ende
Schweigen vorbei

deine jahrhundertalte Kirche
ein Trümmerhaufen
unglaubwürdig
lächerlich im Gehabe
beschämend

Leid tun dir
die Gutgläubigen
alle

ihr Fragen unbeantwortet
mit Dogmen weggewischt
heillos begraben

wie nur hat man helle Köpfe
domestiziert
Kinder abgerichtet
mit scheinheiliger Macht
schäbige Segenswelt

Strich darunter

11
Wörter ohne Inhalt

Die Passwörter von gestern
klappern noch als Worthülsen

flott gebraucht
von allerhand Jongleuren
mit und ohne Heiligenschein
Handliches wie
Freiheit
Unabhängigkeit
Wahrheit
Gott

10
Insel
Das Telefon
schweigt
gekappt der Draht zur Welt
bin nun
Robinson

09
Passwort III

Wir haben viel gehört
wir haben viel gesehen
wir haben Vieles erwogen
und Vieles gemacht
der Kopf ist voll
Lust Schmerz und Freude
gaben sich die Hand
tief liegen die Erinnerungen
das Herz ist voll
noch suchen wir
das Wort das alles in sich fasst

08
Passwort II

«Nein», sagt Ayelet. «Gott existiert nicht.»
Und sie brauche ihn auch nicht mehr.              >Sonntag, 11.02.2018, 09:12 Uhr DRS

Sie hat das Passwort geändert
die Welt hat nun einen neuen Namen
nicht mehr Schöpfung
nur mehr meine Welt
mein Tag
diese Nacht
das Passwort
ich oder du

07
Von 8-21 Uhr
Im Zug

mit 20 Minuten
quer durch

etwas Alltag etwas Politik
etwas Stau etwas Szene etwas Sport
etwas Sex etwas Horoskop und Garfield
dann
Bus
Schneematsch
Kaffee und Tagblatt
Staubsaugen Salatteller
Siesta Kanapee mit Francesca Melandri
Alle, ausser mir

Telefonate und nochmals Kaffee
Waschmaschine ausräumen tumblern

News Tele Abendbier
was ist das Schlüsselwort
für diesen glücklichen Tag

06
Passwort I

Sesam öffne dich
jeden Morgen gesagt
und
schon ist die Sonne da
Regen oder Schnee
immer das Licht
Passwort
zu den geheimen Schätzen
des neuen Tages

05
Bruchlandung

Es beginnt im Kühlschrank

Überfluss oder Leere
Duft und Moder in der Nase
im Hirn ratterts von Versäumnissen

der Blick aus dem Fenster
TV News oder ein Anruf
wären Varianten

Decke oder Bad
retten dich
vielleicht ein Espresso

wieso juckt es immer dort
wo man nicht hin greifen kann

04
Was zu sagen ist
Du
bist
mir
ein Segen

03
Anderes Wortspiel
Wenn der Morgen eklig beginnt
etwa mit einem tollen Hexenschuss

wenn im ersten Anruf
du hörst von verbockten Menschen
von Krankheit Scheidung Lug und Trug

wenn dich weit und breit
wirklich nichts anlacht

beginnt da die Wortreihe etwa mit
pilzfaulig
scheisskotzig
und so fort

halt die Nase zu
mein Freund
schliess Aug und Ohr
kneif dich
dann stelle fest ich lebe
und freu dich

02
Jahrsauftaktwortspielerein
Morgentaufeucht
Heiterkeitspanne
stoppelsamtseidig
Glückskollision
Nebelvorhanglöcher
vollumrundetrund
schmetterlingsleichtluftig
Misserfolgsfreude
Wolkenbalkenfenster

01
Frisches Jahr

Vor uns liegt ein frisches Jahr
eingenebelt von Raketen
eingeknallt und eingeprostet
fürs Erste scheint noch alles scheint offen
es liegt an uns was werden wird

pilzglanzduftig

2018

52
Frage und keine Antwort

Wie ist das eigentlich gekommen?
Alles, was früher Weihnacht ausmachte, kommt jetzt vor Weihnachten…
Lassen wir‘s und schenken irgendwem eine kleine freundliche Geste.

51
Kerzen
Eine Kerze für alle Freunde
die nicht mehr sind
eine Kerze für alle Freunde
in Sorgen
eine Kerze für alle Freunde
in Schmerzen
eine Kerze für dich
ob ich dich kenne oder nicht

50
S isch halt e soo
Früener isch mr am Morge id Rorati
has gern gmacht und zwor jede Taag
hüt gang i no mengmol
sisch aber nüme sGliich
Gschichte dehender send
bleich worde
oder scho ganz veschwunde
so schmeggts halt nono e bitzeli
noch de säbe Chindheitserinnerige

au wennt nochher e Biberli zom Kafi nensch
wered die Geschichte nüme farbiger
s isch halt e soo

49
Bedrohliche Situation
In den Gassen wachsen die Tannenbäume

mit Plastikglitzer und Lichtergirlanden
überall Fest Fest Fest
feiere feiere geniesse
besoffen von Festlichkeit

benommen von Duftschwaden
träumst du
von einer nur einer Kerze
einem Glas Wein nur einem
oder zwei
und wartest aus den Bus

48
Am Anfang
Im Nebel wird alles zur Ahnung

er ist mild und gütig
nimmt dem Morgen die Härte
noch hat der Tag  kein Gesicht
setz dich und
warte auf das Schlüsselwort

47
Wettersprüchlein
Der Sommer weiss nicht
ob er herbsten will

der Herbst bleibt Herbst
tut wie gesagt sein Bestes

der Winter grübelt
wie er’s nun haben will

und ich
sitz hier und warte

46
Respektabel
Der Herbst

macht einen respektablen Abgang
mit Wind und Farbe und Sonnenuntergängen
fotogen
wir Menschen mögen das
obschon
ich höre schon die ersten husten
so ist es nun
doch doch respektabel

45
Ach Rilke
Der Tisch ist kalt

die Heizung spinnt
die Finger klamm

ich denk an Sonne
oder heissen Tee
Gedanken drehen Pirouetten

Zeitung
gelesen ist gelesen

wahr ist
hier ist es kalt

44
Im Deutschen Theater

Herr Hartmann
hat eine gute Idee
er inszeniert Hamsuns Hunger

die Schauspieler
tun dies und das sagen oder schreien dies und das
der Zuschauer
schaut und denkt
greift nach Gesten und Wörtern puzzelt im Kopf und
kriegt die Sache einfach nicht hin
die verdammt gute Idee

43
Einfall beim Suchen nach passenden Bildern

für Menschen vor einem polnischen Heiligenbild
Bei Recyclern finden sich grosse Ballen
gepresst aus Papier aller Art
sie sind gesprenkelt und wirken kompakt
ich vermute von beträchtlichem Gewicht
zusammengehalten von irgendwelchen Bändern
löst man sie
zerfällt der Block früher oder später in seine Bestandteile

42
Zwölfter Oktober 2018

Drei Spatzen flitzen über meinen Kopf
ich spüre den Wind
es sind die frechen heiteren Gesellen vom Sprengelpark
Teil einer grösseren Gang
täglich überrascht und erheitert
durch ihre unverfrorene Lebendigkeit
mein Gott wie gerne wäre ich
ein Mitglied ihrer Bande
flöge Passanten um die Ohren
zeterte stritt lümmelte
frässe von Boden und Tisch
grad wies kommt
bis zu jenem Frühwintertag
wo man mich fände
reifüberzogen im Laub

41
Reisen bildet

Bei Unsicherheit
fragen Sie die Durchsetzungsstelle
oder informieren Sie sich in der Brotmeisterei
oder im Sekretariat des Backwarenzusatz-Verbandes

40
An der Böschung
Ein Bagger kratzt die Böschung frei
schiebt Strünke zu Haufen
Wurzelstöcke beten die Wolken an
und warten bis der Blitz sie trifft

39
Nostalgisch
Wenn der Sommer
in den Herbst kippt
mit Früchten und Farbe

wenn Böen
Baumkronen leeren und
zum ersten Mal morgens
der Gedanke an Handschuhe

dann  sagte du vielleicht
war ein guter Sommer
und fröstelnd
hörst du schon
wies knistern im Kamin


38
Sommer Grandezza

Unheimlich schön spiegelt
der Teich
Schilf Wald und
den makellosen Himmel
als wäre er selbst
nichts mehr und nichts weniger
als die Mitte der Welt

37
Nicht die Tauben von San Marco

Frühmorgens
gurren Tauben
kleine Motoren auf der Dachrinne
nervig und
du denkst an gebratenen Tauben
Frühstück gefällig
direkt ins Maul

wenn sie doch sängen wie Amseln
tschilpten wie Spatzen
nein nur grugrugru

wären hilfsbereit
wie bei Aschenputtels
zu Erledigendes erledigend
die Papierstösse sind beträchtlich

vielleicht aber sind sie
mahnende Stimmen
Urenkel jener Taube
am Jordan

ach was arschfrech sind sie
ungeniert wie die Tauben am HB
Fressbares suchend zu Fuss
zwischen den Beinen der Passanten

36
Auch die Saurier

Ein sonniger Morgen
und Tauwiesen
prachtvoll
über dem See dicker Nebel
am Radio miese Nachrichten
aber die Saurier
sind schliesslich auch ausgestorben

35
Verpasst
Ich möchte diese zehn Sekunden
zurückdrehen
nochmals neu ansetzen
andere Wörter wählen
und dann
ein Lächeln auf deinem Gesicht sehen

34
Manager
Wespen

Räuber am Tisch
fallen ein
zwacken von Schinken und Käse
hauen schwer beladen ab
und sind schon wieder da
unverfrorene schön gestylte Bande
ohne Gewissensbisse

33
Rang 4
Wie vertraut ist mir
Rang vier
das Podest knapp
aber eben verpasst
Kunst
braucht langen Atem
und Zufallsglück

32
Nachtrag zum Nationalfeiertag
Passabler Patriot
geübter Leisetreter
Faustimsackmacher
Stammtischrebell

31
Der rote Mond wandert

Der rote Mond am Firmament
jetzt
sitzt er auf der Flasche
Olivenöl aus Griechenland
rot in die Küche
abgewandert
allerdings
dorthin von Bertàs Monprà

Grappa
für Richard und Walter
wo er
als Rosamond
von ihren Wangen strahlt

30
Die Kirschen

O diese Kirschen
wann gab es sie so prall und saftig
Johannisbeeren hübsch aufgereiht
immer noch Erdbeeren Himbeeren
ein unglaublicher Sommer
abgeerntet das Getreide
langsam kriecht Trockenheit ins Land
was wird noch

29
Kleine Trouvaille bei Apuleius
Wohl nur von einer Göttin zu sagen
…zuweilen tanzte sie alleine mit den Augen
oder von Kindern

bevor sie
erneut versinken
im Spiel
(Apuleius. Metamorphosen p. 317)

28
Das Tischtuch
Ein Tischtuch
weiss mit farbigen Streifen

ein Tischtuch für Abende im Freien
ein fröhliches Tischtuch
für heitere Sommertafeleien

ein Tuch mit Geschichte
erworben mit Sammelpunkten
gehütet von Grossmutter zu Grossmutter

drei verschiedene Rot
drei verschiedene Grün
zweimal Gelb

vierundzwanzig Quadrate
ungefähr tellergross
in einem ein Fleck

verschuldet von
Hans wars nicht Walter nicht
Regula auch nicht
wars am Ende gar
ich

27
Lenkerin

Die Gezeiten immerhin
haben etwas Verlässliches
der schöne Vollmond bringt sie

die Alten wussten

er ist weiblich
freundliche Göttin die alles lenkt
Isis oder Maria

26
Was nun

Herr Bischof mag Kondome nicht
er sagt man solle ohne

Frau Müller sagt zu ihrem Mann
was weiss der Bischof denn von Sex

heisst’s doch er lebe ohne

25
Orthografisches Spielchen

Im Dunkeln
hältst du meine Hand
umhalst dich meine

hält dich mein Arm
umhalst du mich
mit deinem

und hältst du
Hals an Hälschen
nahe den Ohren
ist aller Halt verloren

24
Beim Schwimmen

Der spiegelglatte See
zaubert um den Kopf verspielte Spinnereien
Mückenfangsaltos von Fischen
über den Schwimmern
Froschquaken
als frommen Morgengruss
Schwirrkratzen auf Glatzen
so sind Libellen
wie schön sichs auf dem Rücken treibt
oben grosses Wolkentheater samt Reiherflug
zufrieden in den Morgen gleitend

23
Juni
Wir sagen dir adieu
Maria Maienkönigin
der Flieder ist verblüht
der Mai vorbei
die Himmelslust
weicht nun der irdischen
nicht zu verachten
sind ihre Freuden
wir leben gern
und seh’n uns wieder nächstes Jahr

22
Unpassend Ende Mai

Ein schrumpeliges Weibchen geworden
war jung und anschmiegsam
dass jetzt in der Nähe
der Tod warte
mache sie nachdenklich
und ein wenig unsicher

vorüber vorüber
rühre mich nicht an
könnten nur junge Mädchen
rufen
mit allerdings mässigem Erfolg

21
Adieu
Du sagst adieu
gehst
und bemerkst kaum
das Ungeheuerliche
eines jeden Abschieds

20
Nachdatiert
Dieser Text kommt eine Woche zu spät
tut aber so als sei er rechtzeitig erschienen
die Ziffer machts und gauckelt dir das vor
was solls ich habe gelernt
von Politikern und Produktbeschreibern

19
Già la vita
Già la vita sta correndo

per le sue vie storte
quando con il sacchetto dei rifiuti
scendo le scale
con un pensiero in mente
ogni scalino spinge
verso il cancello
passo l’androne
raggiungo il cassonetto
alzo il coperchio e getto
del mio di ieri dentro
e guarito ritorno
dove tutto m’è noto
come straniero
dando uno sguardo al cielo

Gedicht des Freundes in Rom –  Roberto Righi

18
Marienlob
Sie sagen dir
Jungfrau
Adams Sünde habe
dich nicht verdreckt

kleine Magd
junge Frau
uns hingegen hat es erwischt
sagen sie

man hat dich
Unbefleckte
hinaufgehoben
hoch über unsere Köpfe

da stehst nun

17
Dilemma in Rom
In Roms Kirchen

bleibt der Atem weg

weil Michelangelo
so blendend gehauen hat
Raffael so gekonnt
und Caravaggio
und weiss ich wer auch

so grossartig gemalt haben

ob all der Denkmäler
einst mächtiger Kirchenfürsten
die unbescheiden
an den  Wänden kleben 

weil aber 
draussen
die Touristenwalze droht

atmet sichs dann
drinnen
doch wieder besser

16
Alles
Alles

muss man wieder ablegen
nach und nach

15
Wo ist der Himmel zu Hause
Anhimmeln
kennen wir

wie aber gehen
abhimmeln
vorhimmeln
einhimmeln
aushimmeln
durchhimmenln

was lieber Leser
wenn ich dich
einhimmle
genau jetzt

14
Erinnern

Der Frühling
holt versteckte Bilder der Kindheit

das kleine Rinnsal mit knallgelben Dotterblumen
das lustige Gemurmel am Wiesenrand

der Duft von Mädesüss

ein Bach ein Bächlein unter Weiden und Erlen

ein Laubfrosch

Krebse unter den Steinen
Larven der Köcherfliegen in ihrem gemauerten Panzer

ein Teich mit Fischen Fröschen Libellen
ein Molch mit orangem Bauch

Wasserläufer flitzen über Sonnenspiegel

13
Querer Gedanke

Schöne
junge Menschen
bezaubernd

Gedächtnisstau
krakelige Handschrift
Rückenschmerzen

wird trotzdem auch eure Zukunft sein

12
Glücklicher Morgen
Ein Mädchen mit Schulsack

trödelt in den Morgen
unversehens eine Pirouette

Buchfinken singen

zwischen den Wolken
etwas offenes Himmelsblau

11
Innere 
Freiheit
Kleine Lachen

im Kiesweg
spiegeln

Sonnenglaslöcher

die Menschen
gehen achtlos drüber

10
Grounding
Abwärtz

schwierig zu schreiben
tz wie z
die kleine Hand
setzt
zögernd
das Wort ins Heft

ts ts sagt der Alte
schreibs mit t und s
so bleibt noch Raum
z  ist
Schluss fertig Amen

09
Kein Dilemma
Wenn
die Linke weiss
was die Rechte tut
sagt die Linke

Ist nicht mein Bier
am gleichen Körper
reiner Zufall

08
Lieber Freund
Lieber Freund
komm wir
wir bauen die Kulissen ab
vielleicht
sehen wir dann
wer im Schnürboden hantiert

07
Die Nebelwisser
Die Lust
am Nichtwissen
kalbert
Führer

06
Ernst der 
Dichter
Ernst findet ‚neulich’

nicht in seinem Vokabular
‚neulich’ sei neu
‚kürzlich’ passe ihm
ich ‚eben erst’ oder ‚letzthin’

‚kürzlich’ sagt er tut es
das Leben ist auch kurz

05
Auch ich bin ein Mann Herr Gomringer
Ich gestehe

ich mag Bäume
ich mag Alleen
ich mag blühende Bäume

ich mag Blumen
ich mag Blumenwiesen
ich mag Blumensträusse
ich mag Rosen auf dem Tisch

ich mag Frauen
ich mag junge Frauen
ich mag elegante Frauen
ich mag alte Damen

…in Berlin soll Gomringers schöne Avenidas-Gedicht übermalt werden, weil sexistisch…

 04
Eine 
Verneigung vor der im Oktober verstorbenen Lyrikerin Elisabeth Heck
Bevor  

ein Schritt  
den neuen Tag 
wie Glas  
zertritt

Elisabeth Heck in Hauch in die Kälte (1995)
Die Buchhandlung zur Rose St. Gallen verfügt über Restexemplare verschiedener Publikationen dieser Dichterin.

03
Naturbelassen
Dass Milliardäre
Staaten leiten
verdient heutzutage
keine besondere Beachtung mehr
das wächst wie Unkraut

wilde Ruderalflora
Disteln  zum Beispiel
hemmungslos aussamend
zu stachligem Paradies

02
Der Grossvater erklärt Serafin den lieben Gott

Das ist der Kirschbaum
der ist aus dem Kirschkern gewachsen
den hat ein Rabe ausgeschissen
der Rabe ist aus dem Rabenei geschlüpft

wer hat das Ei erfunden
den Raben erfunden
den Kirschbaum gemacht
das ist der liebe Gott

Der hat keine Hände
wie macht er es denn
er sagt es

er hat keinen Mund
er denkt es

er hat keinen Kopf

er ist der liebe Gott

er hat alles und nichts
er kann alles und nichts
er tut alles und nichts
er ist alles und nichts

so ist der liebe Gott

wir wissen
er hat den Kirschbaum gemacht
den Raben und sein Ei

wir kennen den Kirschbaum
die Kirsche und den Kirschkern
wir kennen den Raben und sein Ei

den lieben Gott
kennen wir nicht
er ist der liebe Gott
und den Kirschbaum hat er gemacht

01
Neujahrs-jaja

Das alte Lied
die alte Leier
Neues
eventuell
ja ja

2017
52
Jetzt

Punktgenau jetzt
genau jetzt
genau dies
und wieder genau jetzt
nach jedem Lidschlag ein neues BIld
wieder und wieder
genau jetzt
genau dies

51
Ihn
Sie sähen ihn gerne
den da
sie sähen ihn gerne leibhaftig vor sich
dann sagten sie
so ist also der da
jetzt kennen wir ihn
den da
ihn

50
Das Unerwartete
Dass zwei Nachbarinnen
morgens
ihre Federbetten ins Fenster hängen
gleichzeitig
wie ich
hat keine weitere Bedeutung
ebenso wenig
die Feststellung
dass mehrfach im Haus
gleichzeitig
die Klospülung läuft

das Unerwartete wartet weiterhin

Im Oktober ist die St.Galler Schriftstellerin Elisabeth Heck im 93. Lebensjahr leise von uns gegangen.

„Bevor / ein Schritt / den neuen Tag / wie Glas / zertritt“

Neun Wörter und was für eine Weite der Gedanken: da spricht Hoffnung, da spricht Vorsicht, da spricht Respekt und Behutsamkeit, da spricht Denken.

 

49
Tageslauf
Am Morgen sagt er Amen
als wäre der Tag schon gelaufen
als wäre getan was zu tun ansteht
am Morgen klappt er die Bücher zu
die er nachts nicht gelesen
verlässt das Haus
und denkt im Gehen Löcher in den Tag

48
Black Saturday
Die Türkränze sind verkauft
Mooskissen wären noch da
Biedermeiersträusschen
exotische Fruchtstände
Broze Kunstkitsch
eine Triefnase
für mich

47
Erinnerung an Wien
Ein Platz mit Wasserspiel
auf drei Seiten
Fin de siècle mit Rundtürmen
Pariser Attidüde
auf den Ruhebänken
Griechenland Balkan Türkei

46
Passt immer
Etwas leiser
vielleicht
gescheit geworden oder nur erfahrener
Haar weg
allenfalls schütter
vorsichtig
oder wackelig
der Gang
alles mit etwas

etwas passt immer

45
Zuwendung
Ja
was
hast
du
denn
gegessen

44
Rückblick
Schon
wieder
Rückblick
rasend
der Zeitlauf

wieso sagen wir das immer wieder

wie gnädig ist doch
Vergessen
wie beruhigend die Gewissheit
auch das Schlimmste
nimmt ein Ende

43
Wir
Die Hinterlassenschaft
vergangener Jahre
sind wir

42
Eignet sich auch als Wurstpapier
Vor und nach der Wahl
Unterschieben
schieben
treten
vermuten
verschreien
versprechen
versprechen
vergessen
vermuten
treten
schieben
unterschieben

41
Gruss aus Wien
„Aufstand werden’s keinen machen, die Wiener, solange es Bier und Würstl gibt.”
ein schöner Satz
passt auch für Chinesen und Schweizer
sofern sie Würstl mögen
wie ich

40
Verstehen

Wir
warum 

warum diese Welt

warum gibt es Leben auf der Erde
Theologen und Philosophen diskutieren
Physikern fehlen Antworten

momentan sagen sie

du blickst auf
Birnen
ein Baum voll Birnen
du stehst und du staunst

39
Bitte beeilen
Ich
warte auf
meine Altersweisheit
sie soll sich beeilen
ich bin bald achtzig

38
Herbst
Eine Blüte
am Apfelbaumzweig
probt den 
Frühling

37
Am Weg
Husch
eine Haubenmeise
grad neben mir
brechend voll rot
Apfelbäume

36
Gottes Frage
Du siehst nur Grau
es regnet und regnet
Sintflut

die Wolken kippen ihre Kessel
ich frage mich
wen soll ich da ersaufen lassen

die Es die Trs die Ks etcetera
oder
ihre Wähler

35
Eigenartig
Schädel
bleischwer
verschwitzt
dabei
wollte ich
luftig denken
heute

34
Nachtrag zur Kirchweih
Was sagst du nun
baroque is back
mit Fahne und Standarte
mit Hellebarde und Gardist
im Orgelgewitter

gerammelt voll 
die Bänke 
wie einst

wie einst
als draussen
der Höllenhund auf Säumige
luchste
potzhimmelherrgottsakrament
schon rochs nach Fegefeuer
gar nach Höllenbrand

keine Angst
jetzt sind alle friedlich
losgesprochen fromm
sehr nett und hungrig
nach Bier Wein und Wurst

im Haus voll Glorie Amen

33
Nach diesen Tagen
Bleibt noch
der Blick
auf die kleine 
Heiterkeit
auf drollige Missverständnisse
auf einen hie und da munteren Alltag
klagen was hilft das 

32
Allerhand Bewegung
Die
Gletscher
schmelzen
die
Sportler
rennen
die
Zeit
läuft

31
Und ich
Wenn die Hügel
nicht mehr verbläuten
morgens oder am Abend
sich herausschälten aus dem Nebel
oder versänken ins Dunkel
nicht mehr

30
Letzte Wochen
Lange Sprossen der Rebe queren das Fenster
hangeln sich an Südbuche und Rose hoch
nahe am verholzten Stamm grüne Trauben
wieviele Wochen noch bis zur Reife

29
Ein Griff
So ist es
so war es
zum Greifen
nah
das Glück

28
Sprüchlein zur Ermutigung bei Gegenwind
Gegen den Wind 
mit den Wellen
gegen Wellen von Wind
mit den Füssen in die Pedale
gegen Wind gegen Wind
wie die Wellen im Wind

27
Frage an den alten Theologen Werner
Es gibt keine Abkürzungen 

sagst du
ins Paradies

ja

aber
Umwege

jede Menge
jeder dritte ein Irrweg

verschlungene Pfade
vorgezeichnet
in himmlischem Plan
heisst es 

endloses
Rauf Runter

was nur hat den Planer getrieben
dir und mir das anzutun

und
wird dann

deine Tür auch meine
wenn wir Petri Schlüssel klappern hören

26
Mitsommer
Wenn
immer
Sonnenhelle liegt
auf Häusern und auf Strassen
und
Menschen
träge träumen
von langen Nächten

25
Für Trudi L.
Dem Tod
ein Lächeln
gegenübersetzen
voll Leben

24
Gestern Abend
Im Dunkelpurpur der Hügel
eine Handvoll
Lichtpunkte

23
Unerwartet ein Engel
Die Stimme
tat mir wohl
der Seufzer auch
und das Geständnis
ich weiss nicht wie ich es geschafft

ach Angela
du Swisscom-Engel
du hast ’s Problem gelöst
wie immer auch
es scheint vollkommen
sind auch Engel nicht

mir reicht’s
wenn sie so tüchtig sind
wie du

22
Wieder
Ein Morgen

das Licht
die Düfte
die Wärme

wieder
ein Tag
zu loben

21
Rosen
Rosen
die Illusion
heiler Welt
ich liebe sie

20
Verblichen
Man sagt
er sei
verblichen
entschwunden Gestalt
Gestik samt Laut und Farbe
du siehst vor dir die Urne
siehst ihn nur mehr
erinnernd und
erzählst dir selbst
Begegnungen mit ihm
in einem Jahr
rechnest du
seien auch sie
verblichen
so wie oben an der Säule
der Thronende
von dem niemand mehr weiss
wer er war
denkmalgeschützter
namenloser Schatten

19
Schön und gut
Gebt Raum

dem Schönen
und Guten
Bärlauch erobert
das Gärtchen
Maiglöckchen
nisten sich drunter
todsicher

18
Andernorts
Versuche zu vergessen

was ich so nebenbei
Im Netz 

gelesen

das hatten wir doch schon mal

ich zapple im Netz
neue Untergänge
vor Augen

hinter mir
lässt Regen den Frühling platzen
andernorts blühen schon die Rosen


17
Verstehen
Verstehen

warum wir hier sind
warum gibt es die Erde
warum gibt es Leben auf der Erde
Theologen und Philosophen diskutieren
Physikern fehlen Antworten
momentan sagen sie

16
Osterrabatte
Newsletter

verheissen
neues Leben
In Haus und Garten
preisreduziert
Tauben ziehen Kreise
am Himmel
Pietros Colomba
zwinkert mir zu
noch ist Karfreitag

15
Gefällig

Kommentarlos
in den Frühling
gefallen

14
Sammeln
Noch trage ich die Hochzeitshosen bei Festen

man pflegt so auch älter noch Jugendresten

13
Kafffeesatz
Ein Satz

vor dem Kaffee
etwa
Frühlingswetter strahlt
im Satz
auch gelesen

12
Der 
Olivenbaum in Karres
3000 Jahre alt sei der Baum

sagst du
aus der Zeit von Homer
sagst du

verschlägt den Atem
mir Kurzatmigem

läse trotzdem gerne
in dem verwrungenen Stamm
von Aphrodite
und Sokrates
und ertastete
einen Vers der Ilias

11
Rinderphilosophie
Mein Enkel

mag Fleisch
nett
findet er
glückliche Rinder
nur
warum
schlachtet man sie
wenn sie doch
so glücklich sind
fragt er

10
Hinweis für Freunde
Falls ich eine rote Krawatte trage
bin ich noch kein Follower

von Trump
falls ich auf Raki verzichte
noch kein Anhänger
von Erdogan
und falls ich Gulasch esse
noch keine Verehrer
von Orban
allerdings
falls ich auch lüge
sind das meine ganz persönlichen
Lügen

09
Dilemma

Ich habe es ja immer gesagt
niemand hört mir zu
niemand
hat etwas gesagt
man hätte es ja hören können

08
Unverblümt
Feuchtfröhlich

den heiteren Aufstand proben
die Leute
einrastern
in Nette Langweiler und Scheisskerle
und ihnen
die Wahrheit
ins Gesicht posaunen

07
Taube oder Spatz
Die Taube auf dem Dach

kann mir gestohlen bleiben
ich
habe mich angefreundet
mit dem Spatz in der Hand

06
Den Namenlosen
Lokale Autoren

schreiben über Lokales
lesen in lokalen Lokalen
für Lokale
sie sind namenlos
und werden
bald vergessen
recht so

05
Winteridylle
Bergfahrt im Nebel

Talfahrt im Nebel
beschlagene Scheiben
die Hand reibt einen Sehschlitz
Fichten  schneebedeckt
Wasserstürze
Zahnradrattern
wieso bin ich nicht im Rössli eingekehrt

04
Meine Fingernägel
Meine Fingernägel

erinnern mich
an meinen Vater
er mag um die 60 gewesen sein
erinnern mich an seine Fingernägel
breit hart etwas brüchig
mag sein bäurisch
sie sahen nach Arbeit aus

der Vater war Beamter
kein Bauer aber verbunden
der bäuerlichen Herkunft
sie war ein Milieu geblieben
er baute Ställe für seine Buben
schnitzte Kühe und Pferde

Bauer ist keiner geworden
von den Söhnen
geblieben sind uns
Hände mit breiten Fingernägeln
brüchig geworden
vom Schreiben und
vom Blättern in Büchern
wie er es auch zu tun liebte

03
Frühe Planung
Zwei Wochen
schon
sind zu ordnen
eventuell
Sicherheitszonen zu benennen
und Tummelwiesen
für die Liebe

02
Fragen über Fragen
(ausgelöst durch die Tatsache, dass sich unter den Umschlag meines Buchs Von der Liebe ein Buchinhalt von Peter Weibel eingeschlichen hat  – ein sehr schöner zwar, aber halt nicht meiner…– Bitte schickt was falsch ist zurück an: mich/Verlag/Buchhandlung – alles wird ersetzt.)

Ist das der Wolf
im Schafspelz
ein Schaf im Wolfspelz
echter Wolf im Wolfspelz
ein falsches Schaf im Pelz
immerhin ein Schaf
oder ists
ein postfaktisches
Fake
weder Schaf noch Wolf

01
Lachen

Eine Träne
fürs alte Jahr
noch keine fürs neue
Lachen
steht bereit
weiss vom Weinen
bleibt
und
lächelt

Das ist für 2017