2021
Der Waldgut Verlag ist leider Geschichte! Viele meiner Bücher sind dort erschienen. Leider ist mit der Auflösung des Verlags auch die Auslieferung noch vorhandener Titel erloschen. Einige Titel sind noch erhältlich beim Autor und evt. in der Buchhandlung zur Rose Sz. Gallen.
Besucht Chorwald Videos mit einer sehr schönen Aufnahme meines Dohlenliedes
Seit 2020 entstehen Atelierhefte,
sie werden ediert im Verlag Ivo Ledergerber.
Atelierhefte 1-11, 2021, Aterlierhefte 12-20, 2024,
Atelierhefte 21-30, in Vorbereitung 2026
36
Ich bin ich
Ich bin ich
ich heisse Ivo Ledergerber
allerdings kommt Ivo Ledergerber
in meiner Gegend mehrfach vor
natürlich mit unterschiedlichen Berufen
trotzdem irritiert mich
dem Namen nach
mehrmals vorzukommen
naiv hielt ich mich
samt Namen für einzigartig
nun stehe ich am Labyrinth des Einzigartigen
einer arg verästelten Angelegenheit
über Gene Erbgut Alltagsprägungen
am Ufer meines Seelenlandes
sichte was ein unbekanntes Meer
dort angespült hat
beobachte suche überlege
unterscheide frage
am Schluss jedoch
sage ich mir
was soll dieses Graben
ich bin ich
bin alles und nichts
ein Windhauch eine verwelkte Blüte
vergänglich eben
Gryphius hatte schon recht
hol den Wein im Keller giess ein
ich trinke mit dir
auf das lebendige Leben
Suche im Netz Gedichte von Andreas Gryphius zum Thema Vergänglichkeit (im Barock = Eitelkeit)
z.B. Es ist alles eitel , z.B. Menschliches Elende
35
Exkursion nach Hergiswald
Passkurvig
zur Kirche im Nirgendwo
Wald und Wiesen
weitab von der Geschäftigkeit der Stadt
barock verträumt
verspielt wunderlich und
anziehend
umrankt von Geschichten frommer Sonderlinge
von adeligen Sponsoren
kurioser Wunderort
prachtvoll inszeniert
Felix der Katakombenheiliger
Marias Wohnhaus aus Loreto
ein Wallfahrtsort für uns Menschen
hinzugehen
abzuladen
zu erbitten
über allem strahlt Maria
Meerstern
Maria wirklich über alles
dreihundertmal vorgestellt in Emblemen
Schutz vor Hitzer und Regen
Frieden bringende Arche
Wächterin der Achtsamkeit
selbst den kritischen Betrachter
befällt eine Art ruhiges Aufatmen
fraglos dankbar
34
Unter der Hitzewalze
Sieben Blätter vollgeschrieben
keines ist Gedicht geworden
da hat auch Morgenhelle
nicht geholfen auch nicht
das Lüftchen um die Ohren
noch weniger der Blick durchs Fenster
braune Wiesen Laub das gilbt
geborstne Äste dürr am Boden
bevor dort
alles Wüste wird
schliesse ich das Fenster
33
Natur am 5. August 2026
Nun bröckelt
zu Geröll und Schutt
auch
das Matterhorn
es schmerzt
diesen Berg so zu sehen
meinen Renommierberg
Natur
am Bahnbord
verblühen Disteln
Hunderte von Samensternchen
ziehen weg
in luftig leichten Flaumwölkchen
im nächsten Jahr
werden sie
andernorts
blühend und stachelig
ihr Überleben beweisen
32
Lina mit dem Tretrad
Zwischen Asphalt und Randstein
wächst magerer Löwenzahn
oft fährt die kleine Lina mit dem Tretrad vorbei
wenn sie mich sieht
rupft sie einige Blättchen und gibt sie mir
und ab
weiter mit Papa Florian
zwar bin ich kein Kaninchen
aber ich mag das
auch den kleinen Schwatz
im Bus mit Urgrossvater Ahmed
mit dem jungen Bodybuilder im Zug
spazierend mit der netten Frau mit Hund
ich mag
das Wie-gehts der freundlichen Kassiererin
das Zunicken des Buschauffeurs
das Handzeichen des Nachbarn auf dem Rad
lauter Kleinigkeiten
die meinen Tag heiter machen
und mich fast verführen
ein unpolitischer Mensch zu werden
31
Great since 1291
Nationalfeiertag
ohne Raketen abgefeiert
davon hat die Welt genug
great since 1291 ok
ein bisschen Stolz darf schon sein
meine Fahne
steckt im 1.-August-Weggen
30
Immer noch heiss
Erinnert an Tage am Meer mit Freunden
du brauchtest nicht zu fragen
Wie wird’s Wetter morgen
natürlich sonnig und warm
Elmar sang Les feuilles mortes
von der nackten Schönen in der Fontäne
der eine Handvoll Rosenblätter
als Kleid genügte brav mit Brassens
verträumte Nächte bei Wein und Gesang
nun sind Italien und Spanien hier
die Hitze ist nordwärts gewandert
Klimawandel sagen Experten
solange das Wasser reicht ist es mir recht
Melancholisch werde ich hingegen
wenn ich mich politisch umsehe
freu dich am Sommer vergiss die Tragödie
im Land der unbegrenzten Möglichkeiten
29
Wieder einmal
Lesend zurück in die Vergangenheit
nach Pompeji
nach Bagdad
eintauchen in andere Lebenswelten
aus Neugier
und Wissensdurst
da tritt mir einfacher Alltag entgegen
nahe und fremde Lebenslust
der zerstörende Einbruch der Naturgewalt
dort Veränderungen im Alltag
durch Hass und Vorurteil
der Verlust friedlichen Zusammenlebens
von Ethnien und Religionen
nun sitze ich da mit meiner Lektüre
verschont zum Glück
weshalb nur
voyeuristisch verlegen
aber echt trauernd
über die glücklosen Vielen
*Usama Al Shahmani, In der Tiefe des Tigris schläft ein Lied
Gabriel Zuchtriegel,
Pompejis letzter Sommer-Als die Götter die Welt verliessen
28
Eine Art Gedankenspiel
Vom Fussball gelernt
zwei Halbzeiten
geben ein ganzes Spiel
wir sind in der zweiten Halbzeit des Jahres
die Helle schwindet
fast unbemerkt werden die Nächte länger
wer seine Jahre zählt
wird kaum in Halbzeiten rechnen
wer kennt denn schon das ganze Spiel
was eindunkelt
ist vielleicht nur ein Gewitter
noch nicht der letzten Halbzeit Schluss
wir hoffen stets
dass weiterhin uns
lichte Stunden scheinen werden
27
„Die güldene Sonne bringt Leben und Wonne“
Die Sonne brennt
beschert einen Hitzesommer
die liebe Sonne
da verdorrt
da trocknet aus
da stirbt
ich schwitze und liebe sie trotzdem
lebe in ihrem Licht
von ihrer Wärme
zwiespältiges Himmelsgeschenk
in etwa einer Milliarde Jahre
wird sie als brennendes Monster
alle Ozeane verdampft haben
die liebe Sonne
26
Sommerlicher Doppelpack
Schatten und Bier
schwimmen und dösen
Strohhut und Badkleid
Gedanken tun sich schwer
bei dieser Sommerhitze
sie lehnen sich zurück sind faul
wäre da nicht Duft von Heu
und rundum wirklich rundum
süsser Duft von Lindenblüten
25
Gemütlicher Morgen
Die Wäsche wedelt im Wind
er zerzaust meine Zeitung
noch bin ich beim Morgenkaffee
heute will ich s gemütlich
im Gärtchen grad vor mir
zottiger Ziest in noblem Violett
im Topf daneben Purpurpunkte
vielleicht ein Läusekraut
Hochbetrieb beim Insektenhotel
da wirbeln Wildbienen
nervös Wespen fremder Art
ihre Namen kenne ich nicht
dann die Kornblumen
strahlendes Hellblau
Augenblau
zum nochmals Verlieben
24
Leise Abschiede von Freundinnen und Freunden
Als wäre schon Abend
und sänke die Nacht herein
als flösse Stille wie Nebel
in meinen Tag
als verschwänden Namen
in den Listen einfach so
als verblichen im Kopf
die lieben Gesichter
Risse
schweres Zusammenfügen
ich will aber die Bilder nicht verlieren
noch kann ich sie halten
heute und morgen
23
TV
Da fahren 180 Radrennfahrer
durchs Trentino
und ich erwische mich
wie ich gespannt zuschaue
ich staune über diese Berufssportler
da strampeln Radfahrer
einzeln in Kolonne
Respekt vor der Leistung
was aber
hält mich vor dem Fernseher
kaum die Schönheit der Tretbewegung
die gebeugten Rücken
ein Zeitvertreib
ohne
tieferen Sinn
bis dann schräg
von der Seite einschiesst
als Frage was verdienen die denn
und von irgendwo
geistern im Kopf
fabulöse Lohnsummen von Sportstars
ich bin nicht neidisch
nur manchmal
bockt mein moralisches Gewissen
weil ich da plötzlich gelandet bin
bei Armut und Reichtum
bei Arroganz und Ungerechtigkeit
die Zeit vergeht
ja nun
ich bin bloss Zuschauer
ich gucke TV
22
Sag dem Tag guten Tag
Sonne
Wärme
ein angenehmes Lüftchen
was für ein guter Tag
kein Tag des Fragens
kein Tag des Sorgens
es ist einer jener Tage
die uns einfach
geschenkt werden
ein Tag
wo Augen leuchten
auf den Gesichtern
liegt Lächeln
richtig
ein Tag zum Heiraten
die Spatzen pfeifen auf den Kater
die Kätzin schläft
und träumt von fetten Mäusen
die Amsel singt
ein Hochzeitsliedchen
ein guter Tag für alle
21
Alt
Ich
kleckere aufs Hemd
schon wieder
Krumen auf dem Boden
meine Handschrift ist
wacklig
nicht mehr wie früher
noch kann ich denken
habe Verstand und
klare Meinung
dass Frauen und Männer
ebenbürtige Menschen sind
was aber keinen kümmert
oben in meiner Kirchenleitung
dass Krankenpflege neu zu denken ist
wie ein Plebiszit es verlangt
dem bürgerlichen Parlament jedoch
ist es schnurz egal
so werden wir
für dumm verkauft
das ist mein Ärger
und
meine grosse Wut
ja
ich bin alt
und hie und da sind
Krumen auf dem Boden
was solls
20
Schattendasein
Ich wohne zur Zeit
hinter einem Baugerüst
hinter einem Plastiknetz
hinter Riesenmulden für Bauabfall
ich lebe zur Zeit leider
mit miesen Nachrichten
wer plagiert wer lügt
wer fälscht betrügt
zwar eingesperrt hab ich
Frieden geschlossen mit diesem Tag
ich ärgere mich nicht mehr
wem hülfe es
die Rosen etwas im Schatten
zeigen ihr erstes Rot
noch zögert der Türkenbund
nur Grün ist da in Überfülle
ich habe Zeit
und
ärgere mich nicht mehr
19
Gedankenturnen
Der Rücken schmerzt
kurz gebeugt
aua
aua
ist zu wenig
ein Stier sticht in mein Kreuz
Hexenschuss zu sagen geht nicht mehr
denn angesichts von Hexenleiden
sind meine Schmerzen
nichts
drum sag ich Stierstich
das bleibt neutral
aua
weshalb nur
muss ein Stier herhalten
bin doch wohl selber
Ochs oder Stier
der sticht
18
Die Welt ist euch ein Himmelreich»
«Beglückte Herde Jesu Schafe,
die Welt ist euch ein Himmelreich»
Hier schmeckt ihr Jesu Güte schon
Und hoffet noch des Glaubens Lohn
Nach einem sanften Todesschlafe.»
Kantate Du Hirte Isreal, höre BWV 104, Autorin unbekannt
Erstaufführung Leipzig 23.4.1724 /Bachstiftung St. Gallen 17.4.2026
Heute ist der 23. April 2026 vor einer Woche
habe ich eine eindrückliche Aufführung dieser Bach Kantate
miterlebt
und
bin hängen geblieben an
die Welt ist euch ein Himmelreich
für mich ist
herdenfrei
tatsächlich jeder neue Tag ein Himmelreich
ausgesetzt und beschenkt vom Wetter
wie auch immer
von Treffen mit freundlichen Menschen
vertrauendem Wort und Zunicken
vom Kuss der Liebsten
alles Geschenke des Lebens
im Hintergrund Not Krieg Gewalt Tod
Iran Afghanistan Syrien Libanon Ukraine Mexiko Myanmar Nigeria Somalia Thailand Kongo Sudan Mindanao Jemen Mindanao Pakistan
und weiss ich wo auch
beglückt
zurückhaltend
jedoch sehr dankbar jeden Tag
17
In Konstanz am See
Drüben vor Petershausen
grosses Wasservogelmeeting
über Schwäne Enten Möwen
direkt vor mir
kurzes Imponiergefecht
von zwei männlichen Schwänen
über allem balanciert Imperia
die Konzilskurtisane auf ihren Händen
Papst und Kaiser
gegen Ost verliert sich der Horizont
in Dunst und Nebelwolken
Schiffe verschwinden lautlos
knapp sichtbar noch
regattieren Segelboote
als Schattenspiel
dahinter vielleicht
ein Jenseits verborgener Verheissung
Ahnungen als Frühlingstraum
ich hingegen kenne Orte
die der Nebel versteckt
weiss von Menschen die dort wohnen
16
Heute kein Blog
Mein Mac weiss nicht mehr
was er will
er mixt an Typen ohne Sinn
mal dies mal das
nur nicht wie es immer war
er scheint mir echt getrumpt
unzurechnungsfähig
dumm und ohne Plan
so schreibe ich nicht
drum
jetzt
kein Wochenblog
15 Ostertage 2026
Hätten wir feinere Ohren
hörten wir vielleicht den kleinen Knall
wenn die Knospen aufspringen
ich träume mir ein grosses Rauschen
ein grenzenloses Knospenploppen
leises Scheuern wenn Farne sich entrollen
vom Blütenschirm japanischer Kirsche
regnet es Rosablättchen wundersam
Reben stehen im Gold des Löwenzahns
wie lieblich sind solche Ostertage
ich stehe und
verneige mich
14
Luscher Tag
Mit Ideen wird wohl nichts
der Kopf ist wie der Frühling
er macht heut Pause
es schneit
zwar wäre jetzt wie jedes Jahr
die Zeit des Tiefergehens
bald ist ja Ostern das Fest
des wieder gebornen Lebens
will ich denn überhaupt
noch graben und hinterfragen
der Wahnsinn dieser Tage
liegt ja offen da
wer da noch glaubt
dass Tote auferstehen
muss toll sein oder ein
sehr guter Christ
es schneit
es schien unmöglich
aber ist
was kann ich da noch glauben
13
Flanierphilosophisch
Noch wirft die tiefe Sonne lange Schatten
lässt mich zu einem Riesen wachsen
die Strassenlaternen kitzeln
Fassaden auf der Gegenseite
die CocaCola Büchse
macht auf Monster
es sind Tage harmlosen Sehvergnügens
wenn du durch Quartier gehst
weitab die Schattenwelt in die
sich Freunde just jetzt verabschiedet haben
es ist Frühling
die Zeit des Wachsens die Zeit des Blühens
wie stirbt sich da
die schmale Sichel des Ostermondes
als scharfer Schnitt im Nachthimmel
ob denn statt Schatten
Sternenhelle vielleicht sie aufgenommen hat
wartend auf uns
12
Baumstamm am Weg
Ein Riesenbaumstamm
liegt am Spazierweg
keine Anzeichen von Stammfäule
sauberer Schnitt
zwei Meter Durchmesser
die Jahrringe gut lesbar
ich beginne zu zählen
fahre mit einem Ästchen
von Ring zu Ring
gute Jahre breit
schwierige Jahre eng
aber ohne Stillstand
ende bei zweiundneunzig
bin ich vielleicht doch verrutscht
dann wären es zwei mehr zwei weniger
ist das für den Baum ein schönes Alter
was weiss ich
warte nur bald
erreichst du vielleicht
dasselbe Alter
11
9. März 2026
Das Gärtchen übervoll mit Primeln
gelb violett und weiss
die Osterglocken zögern
die Morgen sind noch kühl
man sässe gerne draussen zum Kaffee
kaum sitzt man dort
legt man Mütze und Schal beiseite
der Dichter klappert Verslein
altmodisch bieder
als gäbe es nichts Neues
er mag nicht wieder sehen müssen
was jeder sieht und
jeden drückt und ärgert
die Stare sind zurück
wir warten auf die Schwalben
das soll genug sein
für diesen Frühlingstag
10
Im Tessin
Gestern wollte ich schreiben
von den ersten Kamelienblüten
von berauschenden Mimosen
von genüsslichen Stunden
in der Frühlingssonne
auf der Terrasse des alten Hauses
von heiteren Plaudereien
mit Freundinnen
beim Wein.
dann fielen die ersten Bomben.
09
Ende Februar
Schnee schneidet Täler ab
lässt Lawinen donnern
Zugsentgleisung und Lawinentod
im Wallis
in Genf
heikle Gespräche
wie sollen Feinde sich finden
in Bormio
Olympisches
im Garten
sehe ich dicke Moospolster
auf den Ästen der Paulownia
ich habe sie bis heute nie bemerkt
hier ist Stadt nicht Regenwald
da flattern
Blick Verstand Herz
hin und her
erstaunt
besorgt mit Angst
etwas Hoffnung
08
Immer noch Narr
Ein Freund sagt mir
deine guten Hände gibt es nicht
du lebst verloren in dieser Welt
ich weiss wohl
dass ich ins Leben gefallen bin
weil da zwei sich gefunden
für meinen Alltag genügt mir diese Einsicht nicht
das schöne Bild der Hand die birgt
gebe ich nicht gerne her
ich brauche Bilder
die ich am Morgen abrufen kann
die mir den Gang in den Tag leicht machen
vielleicht das Bild
von einem Feld der Freundschaft
das liebe Menschen bilden
da sein gefühlt als Garten
wo Verständnis blüht
Zuspruch gedeiht und Liebe
mein Freund
gefällt dir dieses Bild
07
Wohl bin ich ein Narr
Ich glaube nach wie vor
dass meine Tage
in guten Händen sind
tagtäglich finde ich
kleine Fitzelchen die belegen
dass mir das Leben wohlgesinnt
jedoch im Grossen frage ich mich
ob Lügen Folter Unrecht
auch in jenen Händen liegen
ich wüsste allzu gern
was sich der Weltenplaner
dazu ausgedacht
ich bin ein Narr
und
danke für meine Leben
06
Leb wohl
Schon lange
warst du uns abhanden gekommen
nur hie und da
ist etwas aufgeblitzt
was wir einst gemeinsam lebten
nun ist uns allen
bloss Erinnerung
Trauer Schmerz Dank
und tröstend sind da
immer wieder kleine Lichter
liebe Bilder
als stündest du vor uns
leb wohl
05
In Davos
Es wird dunkel
sagt der Kommentator
nach der Rede des Grössten
unsereiner hört
staunt
schüttelt den Kopf
arrogante Beschimpfungen
eitles Selbstlob
dummes Geschwätz Lügen
soll ich dagegenreden
ordnen
ins rechte Licht setzen
ratlos wegschauen
mindestens düster
ist es geworden
was nun
den Ärger runterschlucken
Mund halten
laut ausrufen
vor Scham sich betrinken
den lieben Gott einschalten
Scheissdilemma
Kopf hoch
04
Das Modewort toxisch
Immer wieder toxisch
toxische Beziehungen
Gesprächsunkultur toxisch
Führungsstil toxisch
vergiftete Tage
tatsächlich
wenn ich mich umschaue
Lügen und Fake
leider
verkehrt kopflos
wo finde ich
das positive Modewort
03
Heimweh nach dem Himmel
Der Freund sagt
ihn begleite ein neues Gefühl
er nenne es
Heimweh nach dem Himmel
eine Sehnsucht
weich
konturlos
abgründig eher als wolkig
von eigenartiger Schwere
hellfarben
in behutsamem Wechsel
vorhanden
aber
nicht fassbar
verblassend
doch
da
Heimweh nach dem Himmel
02
Sylvester 2025
Menschen brennen
verbrenen
junge
dazu ein Wort setzen
oder
schweigen
wir sagen
Tragödie
Schicksal
ungeheuerliches Leid
hilft das
nein
der Mond wird leuchten wie eh
01
Beim Jahreswechsel über Zeit reden
Zum Beispiel
über die hinschmelzende Zeit
das Reden von verlorener Zeit
und grad sofort
über fehlende Zeit
eine Denkaufgabe
über
physikalische Unmöglichkeiten
auf dem Glatteis
sprachlicher Unbeholfenheit
rutschen wir ins Grübeln
über die Vergänglichkeit
des Augenblicks
jeder zerrinnt
da ist kein Halten
ich bin noch da
immerhin
und denke
2025
52
Was uns bleibt für diese Tage
Die offene Hand
ein lieber Blick
das freundliche Wort
eine zuneigende Geste
51
Presepiario
Der alte Krippenbauer
lässt sich nicht aus der Ruhe bringen
was da spiegelt und protzt
interessiert ihn nicht
tägliche Meditation
in Zigarrenschachteln und
Grappa-Kistchen
wachsen kleine Welten
vertraute Orte aus früher Kindheit
draussen
laute Geschäftigkeit
Lichterrausch
der Presepiario schaut nicht auf
50
Cave ouverte
Statt Vorweihnachtsrummel
Cave ouverte bei Christine und Emmanuel
in Grandvaux mitten in den Rebbergen
im Kellergewölbe also wo Wein lagert
jetzt fröhliche Menschen
Weine geniessend
Brot Käse Wurst und Schinken
bald schon
wie unter alten Freunden
Stunden in unbekümmerter Heiterkeit
„wie Weihnacht“
49
Da dort
Die Weihnachtsglitzerwelle
flutet Geschäfte
und Augen
mit unbekannten Menschen
erzählen fragen scherzen
lachend sich verlieren
in kleinen Gesprächen
Schnäppchenangebote
verstopfen Briefkästen
dazu Bilder
von Krieg Hunger Gewalt
nur wenig mildern Geldspenden
das Unbehagen
die Hilflosigkeit
von uns Menschen hier
leise Freude
trotzdem
über Lichter im Winterdunkel
48
Winterbeginn
Schnee deckt
Garten Strasse Autos
weiss weich
wohltuend
ein leiser Morgen
bis der Schneepflug
ratternd die Strasse räumt
Salz streut
es bleibt
graubrauner
Schneematsch
kein
schöner Anblick
47
Die Weisen aus dem Alpenland
Weise aus dem Alpenland
es waren diesmal mehr als drei
haben Sterne gesehen
erleuchtet ihre Botschaft erkannt
sich flugs aufgemacht übers Meer
den neuen König zu verehren
gehörig mit Geschenken
Gold als Uhr und Barren
Weihrauch reichlich verströmend
auch Myrrhe so wie einst
allerdings die milde Gesprächssorte
überreicht den König gnädig zu stimmen
über Wirkung von Besuch und Gaben
ist hingegen nichts bekannt
noch fehlen die erlösenden Worte
46
Das musst du festhalten
Gemüse schnetzeln
für eine Minestra
für mich ein lustvoller Vorgang
ich mag den Schnitt
ins Kompakte
von Karotten und Sellerie
der Düfte freilegt
und aufgeschnitten
das kleine Labyrinth
eines Rosenköhlchens
ich habe eine Zwiebel
geschält
hauchdünn das Hüllblatt
transparent leuchtend
noch nie
ist mir aufgefallen
diese kostbare Zartheit
berührt
betroffen
beschämt
sagte ich mir das musst du festhalten
45
Der Enkel mit 14
14 und
den Alltag im Griff
die Stimme pendelt sich ein
Tenor oder Bass
schon 15 im Blick
Kollegen und Freunde
sind alles
weibliche Menschen gibts auch
das Leben ist leicht
sehr leicht
wäre da nicht fordernd
der nächste Tag
grenzenlos denken
Ziele
egal wie gross
alles wird möglich
44
Im Herbst
Der Herbststurm
wirbelt Laub auf
treibt Blätterherden
über den Asphalt
der Feigenbaum
strahlt in warmem Gelb
mein Ginkgo blufft
sein Gelb sei Gold
behäbiges Braun
liegt wo du gehst
die Eichenblätter
federn deinen Schritt
so ist es jedes Jahr
wie lange noch
sieh zu
und freue dich heute
43
Am Gallustag
Gedenktag
für den Menschen
mit dem alles hier begann
Mönch aus den Vogesen oder aus Irland
Zeitgenosse Mohammeds
des Kriegers und
Reiters durch himmlische Räume
Gallus
radikal sprachgewandt asketisch
ohne Höhenflüge
zähmt den Bär
setzt den Anfang
für Weiten des Denkens und des Glaubens
gerne würde ich
die Notkere Ratpert Ekkeharde begleiten
auch Vadian
in Räume ihres Denkens
lauschen
ihrem Austausch mit antiken Denkern
wie sie Übersetzungen erwägen
nachfragen und sorgfältig für die Schule formulieren
als wären sie
Zeitgenossen von Plato Aristoteles Boethius gar der Psalmendichter
——————————————————————————————
Gallus (+646) Mohammeds (+632) Reisen auf dem Pferd Buraq
Notker I, Dichter, Historiker +912/ Notker III, der Deutsche +1022/ Ratpert, Chronist, Lehrer und Dichter +911/Ekkehard IV, Dichter und Chronist +nach 1057/Vadian Arzt), Bürgerneister, Reformator +1551
PS Titel der offiziellen Gallusfeier 16.10.2025 St. Galler Lufträume
42
Olma Umzug als Lehrstück
Tausende am Strassenrand
nun ist er da
Jodler
Alphornbläser
Blasmusik
Trachtenleute
farbenprächtig
Rundtanz
Treichler
Schwarznasenschafe
Ziegen
Eringer Kampfkühe
Soldaten in historischer Uniform
Gewehre mit aufgesetztem Bajonett
Trommler und Pfeifer
Behörden samt Weibel
Buntes und Kurioses
zu diesem Messeauftakt
vielleicht etwas kitschig
Folklore eben
mit
Menschen in heiterer Stimmung
als Beitrag
zu friedlichem Zusammenleben
41
Herbst
Die Morgensonne blendet
sticht
wirft lange Schatten
da ist etwas Melancholie
Freunde wohnten
abseits des Dorfes
im Notfahrzeugbau der SBB
aus dem Zug sehe ich heute
überrascht
das Rosagebäude ist weg
auf dem Platz davor
habe ich zum ersten Mal
mit einem Mädchen getanzt
sie hiess Heidi
ich habe sie aus dem Auge verloren
die Freunde
sind schon lange tot
liebe Erinnerungen
bleiben
40
Was ich mag
Kochen
Lichtspiele in den Blättern
ihr Schattenspiel an der Wand
das klare Gelb des Hahnenfusses
Schäfchenwolken
den Farbrausch beim Eindunkeln
mein Bett
die Stimme meiner Liebsten
die ihre Daunendecke lobt
Regenrauschen in der Nacht
39
Wendungen
Von der Spinne
vor dem Stubenfenster
im
kunstvollen Netz
ein Hauch
fein
regelmässig
hoch oben fixiert
sehr hoch oben
kleine Pakete
hingen gestern drin
Beute Vorrat
die Spinne ist verschwunden
das Netz
zerfetzt
vom Nacht-Regen
ein Tag und eine Nacht
sieh
das Netz
wunderbar erneuert
eleganter als zuvor
in der Mitte
die Spinne
38
Wolkentraum
Gerne
schritte ich über Wolken
barfuss
spürte vielleicht
dass sie mich kitzelten
lächelte in mich hinein
ginge weiter
oder versänke
im Schaum
liesse mich tragen
hoch hinauf
fiele
landete weich
schliefe
und würde von zarten
Wolkenarmen
umfangen
(im neuen Atelierheft 28)
37
Ein kleiner Bericht über die Donauversickerung bei Tuttlingen
Neulich
habe ich den erstaunlichen Ort besucht
wo die junge Donau verschwindet
sie verschwindet
und
kommt andernorts wieder zum Vorschein
dabei hat sie ihre Orientierung geändert
statt Schwarzes Meer jetzt Atlantik
ein fluvialer Wendehals
solche Kurswechsel kennen wir doch
leider
und die bösen Folgen auch
die Natur ist gnädiger als der Mensch
denn übers Jahr
lässt sie Wasser offen oder versteckt
in beide Richtungen fliessen
fast meint der Schreiber
etwas gelernt zu haben
PS Genaue Infos über Google
36
Auf dem Boden
Der Blick auf den Boden
egal wo du stehst
Erlebnis Offenbarung oder Rätsel
Bilder entstehen
Miniaturlandschaften
Figuren Gesichter Gespenster
wieso sehe ich sie
wer gibt die Ordnung vor
ist das Muster mein Muster
die Psychologen erklären
ja natürlich das bist du
ich bin ein Formspieler
für mich sind es Welten
kleine neue überraschende
mag sein ein Spiegel
eines inneren Chaos
ein Resümee der Weltlage
schwer zu entziffern
der Blick in die Medien
hilft kaum weiter
früher konnte man
auf die Vorsehung verweisen
heute scheint sie verstummt
Zeichen
schön oder grausig
was ist kommt geht
liegt hier vor dir
Flete canes
Weint ihr Hunde weint
mein Hündchen Pitulus ist gestorben
schreibt ein Mönch im 11. Jahrhundert
ich bitte keine Tiere mit mir zu trauern
weil die liebenswerte Hündin Senta
nicht mehr lebt
nach 13 Jahren ab in den Tierhimmel
wie erfreuten uns ihre putzigen Kinder
balgende Wollknäuel wohl dreissig
eine Schönheit von Berner Sennenhund
zutraulich treuherzigen Bettelblicks
die vielen Verehrerinnen liessen sich nicht lumpen
schnipselten ihr Cervelats
bröselten Kuchen eine Ecke vom Nussstengel
geniesserisch schnappte sie zu
verfressen nein geniessend
wie unsereiner gerne in ihrer Besenwirtschaft
bei Kaffee und Kuchen
34
Wäscheseligkeit
Das Bundesamt für Gesundheit
schickt mir goldene Regeln* für Hitzetage
ja über Tage war es sehr heiss
ich habe viel getrunken*
ich habe mich oft hingelegt *
natürlich ist auch die Rede von Schatten*
nun aber ist bei mir
Wäscheseligkeit ausgebrochen
vier Betttücher fünf Frotteetücher
sechs Geschirrtücher sieben Putzlappen
sechs Hosen fünf Hemden dazu Kleinkram
aus der Maschine in die Sonne geholt
aufgehängt im Hui
vielleicht noch etwas Wind
kaum greifst du hin
alles trocken
das ist
Wäscheseligkeit
reines Glück in Hitzetagen
33
Hurrapatriotismus
Meine Stadt war
erbärmlich beflaggt
am Nationalfeiertag
von Stolz nichts zu spüren
im Quartier nichts
Müllsäcke bereit zur Abfuhr
da wohnen Zugewanderte
ohne Ahnung vom Feiertag
ich schätze mein Land
habe viele Länder gesehen
sehe mit Bedauern wie manche
jetzt zu Diktaturen werden
bin kein Besserwisser
möchte dort nicht leben
das Fähnlein am Fenster
ist mein unbeholfener Dank
32
Ruf doch einfach mal an
Ruf mal an
dort ist jemand
bereit zu einem Schwatz
gar zu ernstem Gespräch
Brücken im Äther
Kilometer Berg und Meer
spielen keine Rolle
sich versichern
sie ist noch dort
er ist noch da
spricht und mag mich
gelobt seien
des Telefons Erfinder
die Brückenbauer
ich telefoniere gerne
dazu ein Tänzchen auf dem Pont d’ Avignon
allerdings
die Telefonbrücken von Pontifex Trump
führen wie der Pont d’ Avignon trotz Kapelle ins Leere
31
Sonderbare Zugreise
Ich bin ein Zugreisender
täglich dieselbe Strecke
mal hin mal her oder beides
nach Jahren bleibt der Blick
wieder und wieder
an bestimmten Stellen hängen
an zwei Fenstern
die Rouleaus geschlossen
St. Galler Conserven
gibt es schon lange nicht mehr
hier wirkte Erika die lebenslange Pfadfinderin
die Frau mit dem grossen Herzen
die Frau mit dem Dackel
an einen Bungalow
alleinstehend
nahe beim Trassee
kurioses unerklärtes Interesse
an einem Teich
umsäumt von Schilf und Gebüsch
und an ein Gehöft in der Nähe
mit einem Mühleweier
solche Wasser liebe ich
seit meiner Kindheit
Krebs Laubfrosch Molch und Libellen
Jedes Mal
auf der Vorbeifahrt
ein Gang durch Rätselhaftes Liebes Reiches
30
Lauf der Geschichte 2025
Auf dem Brett über dem Eingang
nesten Rotkehlchen
fünf Küken
weitaufgesperrt die Schnäbel
seit gestern ist das Nest leer
frühreif
bloss flatternd
sind sie ausgeflogen
der Katze war das recht
unsereiner ärgert sich
gerne hätten wir
die Küken wachsen gesehen
zu hübschen Vögeln
man nennt das
Lauf der Natur
leidig eh und je wie
der Lauf der Geschichte
29
Die Lust auf
Die Lust auf Eis – Pistacchio
die Lust auf ein Schnitzel mit oder ohne Pommes
die Lust an einer Rose zu riechen
oder den Duft von Minze einzuatmen
was einen so überfällt an Lust
junge Menschen zu sehen
lässige aufgedonnerte
im Schlendern im Stehen im Gehen
und über alles die Lust
einer Frau ins Ohr zu flüstern
wie hübsch du bist
und seiner Frau ich liebe dich
28
Schattenspiel
Hie und da
spielt oben an einer Zimmerwand
ein zartes Muster
wechselnd in
Licht und Schattenlinien
gespiegelt von irgendwoher
vielleicht von einem geparkten Auto
von einem schräg stehenden Fensterflügel
ich suche nicht
einige Momente
des zierlichen Spiels genügen
erlischt es
bleibt eine zärtliche Spur
in mir
27
E.T.A. Hoffmann lässt grüssen
Wundersamer
Sommer
Hitze
treibt Menschen
ins Wasser
oder in Häuser Hitzeschlag Dehydrierung
drohen
gehen Sie nicht Ins Freie
Behörden sind besorgt
Ich dachte eher
an Sommerlust
flätzen im Schatten
dösen
lesen
willkommen Kater Murr
übrigens
schreiben Sie noch
26
So war es
Der Frühling hat uns
mit Blüten überschüttet
Augenlust pur
in leichter Heiterkeit
nun machen die ersten Rosen Pause
es ist heiss geworden
du dümpelst im Schatten
Kindheitsbilder
paradieren durch den Schlummer
Erdbeeren
Himbeeren in Fülle
vom Strauch in den Mund
Kirschkerne spucken
Spritzsprung ins Wasser
barfuss und kahlgeschoren
so war Sommer
Teer an den Fusssohlen
Eis und Riesendurst
25
Den Rücken stärken
Streck dich
steh aufrecht
grad und stark
einen Schuss von Jugendlichkeit
nimm mit in die Jahre
mein Rücken schmerzt
der Therapeut mein
bitte weniger steif
gebogenes Rückgrat
sei natürlich
wo bleibt
die vertikale Klarheit
von Rücken und Geist
mein Rücken schmerzt
– ok
sanft biegen
den Geist will ich
aufrecht halten
keine Bücklinge
24
Das Gedenkkonzert
Olga Diener ist schon lange tot
wenige wissen von ihr
ihr Werk vergessen
sie war eine schöne Frau
und begabt als Dichterin
als Komponistin
hervorragend ausgebildet
ihr Opus füllt eine lange Liste
vier Lyrikbände
mit Verve musiziert die Pianistin
mit Hingabe Begeisterung
brillante Technikerin
schwierig dem Bau
der Stücke zu folgen
anspruchsvoll fremd
unentschieden gehe ich
aus dem Saal
zu Hause höre ich
wie Regen einsetzt
beruhigendes Rauschen
eine Musik
die keine Erklärung braucht
23
Geschenkte Pause
Ein Platzregen
jagt mich ins Haus
da ist die Pause
zurücklehnen
nichts tun
dem Atem folgen
nachklingen lassen
was war
warten was wird
22
Lebensmetaphern
Gestern habe ich in einer Baugrube
wunderbar grauen Lehm gesehen
vielleicht zum Töpfern geeignet
was dort allenfalls eingekapselt ist
hätte mich interessiert
wohl Rest kindlicher Neugierde auf Verborgenes
einst habe ich mit Hingabe gelesen
mitgefiebert in Romanen und Sachbüchern
über frühgeschichtliche Trümmerhügel
habe miterlebt Bau und Untergang
aus der Abfolge der Schuttschichten
von Städten Kulturen Menschen
heute schaue ich mich bei mir selber um
mein Leben ist kein solcher Hügel
aber in Tiefenschichten wühlen lässt sich durchaus
ach ja sagst du wie jedermann findest du
Vergessenes Banales Verdrängtes Lustiges
stochere ruhig nachts darin herum
etwas eitel muss ich dir gestehen
gerne sähe ich mein Leben auch
als Schichtkuchen süss oder würzig
zuoberst Streusel allerhand Knöllchen
zwischendrin Honig Gelee Mandeln
angenehm in Anblick und Duft
dann auch als salzige Variante
ein Mix aus Freude und Ärger
Beruf Ehe Kinderkriegen Freunde
passender vielleicht als Terrine
gut gewürzt mit Nüssen und Kernen
passabel scharf und etwas exotisch
aber immer mit einem de Campagne
spät noch die bäuerliche Herkunft
väterlicherseits erinnernd
21
Ich bin ein Augenmensch
Meine Augen bleiben hängen
jetzt im Frühling
an Farben
rosa Blütenregen
hundert kleine Ockerbüschel
eine Wolke weisser Magnolien
wo gestern der Blick
noch frei zum blauen Himmel ging
wächst Lindengrün zur Baumkrone
ein Zweig wippt
ein dürres Blatt
gleitet über den Weg
ich bin wohl ein mässiger Philosoph
der lieber schaut
als Gedanken drechselt
dafür bräuchte ich
eine Art Sehpause
nichts vor Augen
aber
da schiebt sich
immer wieder etwas dazwischen
sogleich
falle ich Farben und Bewegtem
anheim
20
Wundklee Platterbse Kerbel Wicke
Letzte Woche eine leuchtend gelbe Flur
heute balancieren dort
luftige Bällchen
die Samenkugeln des Löwenzahns
wie leicht
wie durchsichtig
wie fragil
seit einige Jahren nimmt der Löwenzahn
ganze Wiesen in Beschlag
statt der reichen Flora früherer Jahre
Kuckuckslichtnelke Skabiose Wiesensalbei
Flockenblume Margerite Wicke
Leimkraut Hornklee Wiesenbocksbart
schade
aber es passt in eine Zeit
wo Menge und Masse zählen
trotzdem reizend
leuchten die weissen Bällchen aus dem Wiesengrün
wie zierlich entschweben die Samen
an zerbrechlichen Schirmchen
und doch schade um die Namen wie
Kriechender Günsel Witwenblume Seifenkaut
19
Noch sind die Schwalben nicht zurück
Ob schon Maikäfer fliegen
möglicherweise Herzen
sicher fliegen Plastikbeutel mit Farbe
der Mai legt los mit Gefühlen
mit Resolutionen und Protest
blütenreich und rot
ein Monat voller Rituale
mit kleinen Landpartien
Maitanz Marienfeiern
das Herz schlägt schneller
ich bin verliebt
es ist Mai das genügt
die Schwalben werden
gewiss zurückkommen
so wie der liebe Mai
18
Trauerfeier für Papst Franziskus
Ich sehe am Bildschirm
die eindrückliche Menge
Hunderttausende
platziert in Sektoren
hier hat alles seine Ordnung
schwarz Staatsvertreter
Kardinäle als Mohnkarree
rotweissgetupft Kleriker
aus der Drohnensicht
ein hübscher
Menschenteppich
ich kenne diesen Platz
die Kolonnaden
die Fassade des Petersdoms
den Blick bis zum Tiber
vorne
sehe ich den Holzsarg
darauf ein dünnes Buch
wohl ein Evangeliar
da
überraschend
bewegen sich die Seiten
bilden Bögen stehende Wellen
der Wind blättert
Bilder inhaltsloser Schönheit
vielleicht Ahnung jener
unbekannten Schönheit
die jenseits des Sarges wartet
mich trägt sie weg
als zarte Hoffnung
ich schalte das Gerät aus
17
Ostern
Am Karfreitag
blieben die Glocken stumm
sie flögen nach Rom hiess es für uns Kinder
zwei Tage stumm
zwei Tage Denkpause
zwei Tage Ruhe
auf
Enttäuschung Schmerz
Leid und Tod
Stille
zwei Tage lang
dann
grossartiges Aufatmen
im Neuanfang der Ostergeschichte
wüchse doch immer
aus dem Verstummen im Leid
Leben
wirklich nochmals Leben
dass wir hörten
Stimmen
neu
und tröstende Klänge
16
April
Gold
überfällt Wiesen
und Augen
Löwenzahn
Bienen und Hummeln
hin und weg
weg und hin
Hochbetrieb am Insektenhotel
strahlende Sonne
giftige Bise
Pullover
und Sonnenbrille
April eben
der Türkenbund
schiebt erste Blätter
durch die trockene Krume
Forsythiengelb
weicht
hellem Grün
es geht vorwärts
15
Moralisierend mit glücklichem Schluss
Der drüben
verkündet schon wieder goldene Zeiten
der andere kümmert sich einen Dreck
um Verträge der dritte lügt
und die andern hundert
sind keinen Deut besser
lass das
es war schon immer so
die Katze schnurrt
die Taube gurrt
die Amsel singt
sieh den Frühling voller Blüten
14
Sommerzeit
Jetzt werden uns beschert
Tage
mit langen Abenden
das Drehen an der Uhr macht es möglich
ich wünsche mir dazu
den Himmel heiter
etwas Wärme
ein Bier mit Nachbarn
und dass die Seele
lächeln mag
auch wenn es knickt
und knackt im Knie und so
da legen wir was uns bedroht
beiseite
wer beten mag solls tun
die andern legen es
in die Hand der grossen Natur
zum Wohl
lasst uns trinken
und uns umarmen
13
Nach einem Besuch in der Vogelwarte Sempach wird dem Gast eine Vogelart zugeordnet, sozusagen als Abschiedsgeschenk, bei mir war es der Flussregenpfeifer.
Flussregenpfeifer
Bereits der Name ist ein Gedicht
Fluss Regen Pfeifer
was für ein Rhythmus
da treibt ein Floss
es wackelt auf der ersten Welle
der Fluss tut ungebärdig
besänftigt sich jedoch
fliesst ruhig
wie milder Frühlingsregen
stört Zirpen Flöten Pfeifen nicht
der kleine Vogel
auf der Kiesbank fast nicht zu sehen
gefärbt wie die Kiesel
steht trippelt steht
wie neide ich dir
die Leichtigkeit und Eleganz
würden doch
meine Gedanken
sich so flink bewegen
und setzten gar
hie und da
in diesen irren Tagen
ab zu leichtem Flug
12
Ständerlampe (altes Designmodell)
Die Lampe leuchtet zu matt
die Topfpflanzen sind ausgetrocknet
mein Bein schmerzt
ich bin ein leicht lädiertes
Durchschnittsmodell
schon in die Jahre gekommen
die Eitelkeit bröselt
Selbstbewusstsein ist noch da
ach ja Energie auch
ob es am Dimmer liegt
am alten Leuchtmittel
ich werde nachfragen
der Arzt wird mein Bein
begutachten Pille Spritze oder
bedenken Sie ihr Alter
Regen ist angesagt
diesmal ein Lichtblick
die Pflanzen freuts
morgen
werde ich einen Marsch machen
leicht gedimmt
11
Nil novi sub sole
Die Schule
hat uns den Zugang geöffnet
zu den grossen Mythen des Altertums
des Südens des Nordens
hat uns die Faszination und Grausamkeit
biblischer Bücher mitgegeben
im Gang durch drei Jahrtausende
Wissen Aufbau Kunst Leid Zerstörung
durch Menschen gezeigt
wir glaubten an
Aufstieg zu Besserem
jetzt aber spielt sich vor unseren Augen
all das ab
als simple Wiederholung
nichts Neues unter der Sonne
kluge Einsicht
Trost
Schlupfloch fürs Gewissen
10
Blatter und Platini vor Gericht
Heute
habe ich endlich wieder Bienen gesehen
Honigbienen
Frühling
aber wo
sind die Meisen geblieben
Spatzen und Amseln
flitzen von Busch zu Strauch
immerhin
der Kater
schnurrt aber spricht nicht
alle Angeklagten
sind heute unschuldig
Frühling eben
9
Zur Zeit
Erbärmlich zeigt die Welt sich heute
ich mag nicht um mich schauen
zuhauf Verdreher Lügner
sie haben das Sagen
der liebe Gott
o Gott
schaut weg wie immer
ich sehe mich um
bei lieben Menschen
höre von kleinen Freuden
gern lache ich mit ihnen
bei Schmerz ein gutes Wort
ein tröstendes bei Trauer
hoffend es sei hilfreich
es sind
Strohhalme der Zuversicht
im Glauben ans liebe Leben
8
Zwiespältiger Valentin
Der Valentinstag
macht auf Sibirien
als sei sein Blick
dort hängen geblieben
man sagt sich bang
muss das schon wieder sein
alles ist nochmals
tief verschneit
versöhnlich weiss
und ruhig
die Rosen rot
die Dornen spitz
man möchte küssen
und nicht bluten
7
Athletisch
Das
Leben
gemessen
in
Hundertstelsekunden
6
Los
Die Nase
schnuppert schon ein Spürchen Frühling
das Auge trauert
ihm fehlt das grenzenlose Weiss
es wird schon bald getröstet werden
üppig mit Grün in hundert Tönen
das Ohr hat Stille Nacht vergessen
freut sich aufs erste Meisenzwitschern
die Hände
möchten in frischer Erde wühlen
noch ist es nicht soweit
die Sonne wärmt
die Tage werden länger
die Wanderschuhe stehn bereit
der Wind ist heute freundlich
los geh aus
5
Erklärung im Schatten des Grossmauls
Heute beginnen
auch bei mir goldene Tage
ich habe eine kleine Reise mit Freunden
fertig entworfen
die Literatur dazu gelesen
Hemden gewaschen
Im Kasten versorgt
letzte Überbleibsel von Weihnachten
zurückgelegt für nächsten Dezember
mir eine ausgedehnte Siesta gegönnt
Aufgaben
stehen zur Zeit keine an
das ist ein guter Start
in goldene Tage
4
Kleinigkeiten
Lass uns die kleinen Rituale
nicht vergessen
ein Anruf aus dem Zug
was das Horoskop in 20 Minuten
dir heute sagt
ich liege schon im Bett
Handcreme reichst du
für feine Hände im Schlaf
hin und wieder
eine Karte mit liebem Gruss
einfach so während der Woche
ein Kuss
auch wenn ich nur
zum Recycling Maag fahre
mindestens vier Anrufe
jeden Tag
ohne News
und wenn du nachts
aufs Klo schleichst
versuch ich zärtlich dein Bein zu streifen
du hantierst in der Küche ich noch im Bad
rieche schon den Kaffeeduft
und weiss Frühstück steht bereit
lauter kleine Gesten
ohne Aufhebens
Tag für Tag
3
Wintersonnentag
Hell
die Stadt ohne Schnee
eine kalte Bise trotzt der Sonne
der Spaziergang
zügig gehen statt schlendern
noch liegt dürres Laub da und dort
unvermittelt
hüpfen Blätter
schlittern ruhen rutschen
als täten sie das
dir zum Sehvergnügen
2
Jahresbeginn –acht Strophen zum persönlichen Gebrauch
1
Was taugt noch
was könnte noch
nützen
was muss weg
was ist was
2
Überprüfen
eintreten
austreten
mitmachen
gründen
Mut zeigen und
endlich
entscheiden
tun
3
Gut zureden
sag Zuversicht
sag Geduld
4
Spazieren
denken
sehen lernen
5
Ausflüge zu Gemeinplätzen
Smalltalk und Spöttelei
Übungen im Wegblicken
das meiste lässt sich ja nicht bewegen
also Augen und Ohren zu
6
Die kleinen Tröstungen auspacken
Pralinen Plätzchen
Cognac und Wein
7
Suche
Neues
lobe das Alte
8
Nimm mich bei der Hand
küsse
Hand in Hand
1
Dahinter liegt die Liebe
Es gibt Tage
die sich wenig eignen
zum Schreiben von
Liebesgedichten
es mag liegen
an wirren Träumen
an Müdigkeit
an einem Zwist
dem Dichter ist das
eigentlich nicht erlaubt
auch Schimpf- und Klagetext
sprechen doch von der Liebe
2024
52
Mein Weihnachtswunsch
Ich wünsche mir
für alle Menschen
eine Stunde gar einen Tag
des freien Atmens
51
Ich doch auch
Es sucht sich eine Seligkeit
breitzumachen in den Zeitungen
Adventskalender und Rezepte
Weihnachtsplätzchen
Weihnachtsdüfte Weihnachtsmärkte
Weihnachtbusfahrten
Es ist nicht so
dass mich all das nicht berührt
es ist mir Abwechslung in düstern Tagen
lenkt auch ab
und erheitert harmlos
ich gestehe
ich mag Kerzenlicht
den süssen Duft des Räuchermännchens
Nürnberger Lebkuchen
und den süssen Gruss aus Dresden
50
Notre Dame Pais
Notre Dame
repariert
kunstvoll wieder aufgebaut
ein Lehrstück für Architekten und Ingenieure
auf arte habe ich
den Wiederaufbau miterlebt
bewundernd mit Respekt
allein
am Schluss bin ich hängengeblieben
was nun
wem diente das Gebäude einst
wieviel Frömmigkeit
wieviel Protz steckt darin
wem wird es in Zukunft dienen
wird es noch bergen
Gebete wie einst
in einer säkularen Epoche
bleibt Notre Dame
ein geniales Beispiel menschlicher Kunst
fern
vom einst gedachten Himmel
49
Ärgern oder nicht
Der eifrige Hauswart von gegenüber
hat mich heute aus dem Bett geröhrt
er liebt seinen Laubbläser
das ist der Test
ob ich mich heute ärgern soll
oder grosszügig weghören
wegsehen und lächeln
48
Passendes Träumen
Schnee
in Hülle und Fülle
vor meinem Fenster
holt herbei Kindertage
mit hölzernen Pfadschlitten
– von Pferden gezogen-
Berge von Schnee
längs des Schulwegs
wir Knirpse stapfen darüber
Handschuhe gefroren
Mützen mit Zotteln
Strickstrümpfe
jetzt
schaue ich vergnügt
zu den Nachbarkindern
wie die jauchzend vom Hang rutschen
47
Es nimmt seinen Gang
Es nimmt seinen Gang
überraschend
verstörend
da waren doch Pläne
Zukunftsentwürfe
durchdachte
auch Träume
Wunschbilder ja
schöne Entwürfe
und Energie war da
gesammelte
bereit zum Besseren
Freunde Freundinnen
bleibt dabei
lasst euch nicht knicken
nimmt es auch
verstörend
seinen Gang
46
Verlegen
Verlegenheit
was ist denn da zu sagen
ist überhaupt etwas zu sagen
etwa zur Kirchensynode in Rom
endlich gleiches Recht gleiche Stellung
für Frau und Mann – Fehlanzeige
noch nie sind einem Präsidenten
so viele Lügen nachgewiesen worden
aber heute – Trump gewählt
dort in Spanien ertrinken Hunderte
hier brechen Berge rutschen Hänge
das Klima spinnt
soll ich mich drauf einlassen
soll ich schweigen
bloss konstatieren
ich
habe nichts anzubieten
ausser beschämender Verlegenheit
45
Start in den November
Um fünf schon dunkel
dazu häufig Nebel
Schneckenhausmonat
nichts tun
ohne schlechtes Gewissen
tief durchatmen
die grundsätzliche Frage
Primitivo oder Enate
dazu Bücher
44
Der Wind
Jagt Blätterherden über den Asphalt
Bonbontüten spiralig ins Schweben
ruht wirbelt Fetzen zu wilden Tänzen
ich mag diese Luftspiele
fantasiere beim Blick in die Wolken
Tiere Gesichter und Fratzen
wie sie sich verändern erheitert mich
und gleich sind da Lockengott
Wolkengeschiebe Faunsfagott
wie zierlich verspielt beschrieb
Albin Zollinger Wolken und Wind
Spielkind
Albin Zollinger Wind
43
Anmut trügt und Schönheit vergeht
Zürcher Bibel 1932 14×21 cm handlich
ein schönes Buch
der Ledereinband fühlt sich gut an
edler Goldschnitt Dünndruckausgabe
da sind Lektürespuren sogar wenige Bleistiftnotizen
in der Weisheitsliteratur habe ich mich umgetan
jenen alttestamentlichen praktischen Passagen
Wer kann schon eine tüchtige Frau finden!
Sie ist wertvoller als die kostbarsten Edelsteine.
Ihr Mann kann ihr vertrauen,
und sie wird sein Leben bereichern …
Kraft und Würde strahlt sie aus, und sie lacht
und hat keine Angst vor dem kommenden Tag.
Wenn sie spricht, sind ihre Worte weise,
und sie erteilt ihre Anweisungen in freundlichem Ton.
niemand hat diesen Text je gesucht
Gold hatte die Seiten verpappt
ich löse sie einzeln
ich freue mich über diesen Ausschnitt
und widme ihn meiner Frau
kursiv aus Sprüche 31
42
Ursachenforscnung
Ein Windchen vielleicht beim Spazieren
U-Bahnhitze und hustende Nachbarn
leicht geschwitzt Hemd nicht sofort gewechselt
auf jeden Fall hat mich ein Schnupfen
an – oder überfallen
die Nase der Schädel brummt
ich versuche mich hinauszuschlafen
aus dem Elend das keines ist
und nicht rundum zu schauen
41
Zürich – Berlin
Die Sitze sind bequem
– pünktlich ab
wie sagt man
die Landschaft rollt vorbei
Weinberge Äcker Frankfurts Skyline
von übrigen Städten nur langeilige Plätze
Föhrenwälder Flüsse
Gemüsefelder Wiesen Auen
Hecken Alleen
dem Auge gefällts
ob von der Reise
müde oder entspannt
fügen sich bald ins Sehen
Bilder abgelagert im Kopf
in den Alleen siehst du plötzlich
Wandergesellen
eine Postkutsche
hörst das Singen fahrender Studenten
ach du
lieber Eichendorff
dein Lied ist noch da
Alleen
Kirchtürme als Wegweiser
Hecken gliedern die weite Weite
in der Ferne
eine Zeile Windrotoren
weckt den Träumer
Spandau Berlin
die Sitze sind bequem
— pünktlich an
40
Alter Dichter
Ich gebe keine Ratschläge
mache keine Prognosen
will nicht mehr weiterschauen
als bis zum nächsten Tag
jeder Morgen ist mir
ein offenes Feld
eine leere Seite
eine Lehrstunde der Geduld
als Fussnotiz ist gesetzt
Dank
nochmals Dank und
ein Lächeln
39
Was hat geholfen
Ein frecher Dieb
will mir am späten Nachmittag
die Anhängetasche entreissen
ich habe sie noch
Gott sei Dank
oder
Schutzengel sei Dank
oder
war es dies
Affentor Berlin steht drin
rettete dieser Name
oder die erstklassige Näharbeit
die den Zug ausgehalten hat
oder
mein kräftiges Zurückreissen
ein blauer Fleck am Oberarm ist Beleg
oder
meine wilden Wutschreie
über den Platz
oder
die Rosskastanie als Talisman
in meinem Hosensack
das sind müssige Fragen
aber sie helfen wohl
den Ärger zu vergessen
38
Für Nicole
Iss
das Brötchen
erzählt von Grannen
eingepackt in grünen Spelzen
vergiss nicht den Sommer
der Weinbeeren darin
die Hände des Bäckers
die Hitze des Ofens
lobe die abertausend Jahre
seit Dinkel uns nährt
iss
37
Zuschauen
Die Lust zuzuschauen
ist reich bedient worden
in letzten Wochen
Sportsendungen rund um die Uhr
olympische und paralympische
wöchentliche Schwingfeste
Rad Fussball Tennis etc.
ich mag reaktionsschnelle
Schwinger und Ballspieler
die Taktik von Läufern
ich mag aber auch
die unbeschwerten Bewegungen
von Kindern ihre Leichtigkeit
ich sehe das alles ohne Neid
erinnere mich hie und da
an frühere Jahre und lächle
vorbei ist vorbei
merci danke schön
Leben
36
Etwas Bescheidenheit
Frühstück im Garten
zehn Wespen ein Dutzend Bienen
ungefähr
ein knappes Löffelchen Honig
zur Ablenkung
was für ein Luftverkehr
die wirren Flugbahnen
können wir nicht entschlüsseln
hin her ein Durcheinander
wir dächten an klare Linien
gerader Anflug Landung
es ist nicht so
unsere Intelligenz ist nicht ihre
sie navigieren nach Düften
haben wir gelernt und
nehmen zur Kenntnis
sie können etwas
was wir nicht können
35
Vides, ut alta stet nive candidum | Soracte…
Zu heiss zum Dichten
fürs Lesen von Gedichten
reicht es
vergnügt finde ich mich wieder
bei Horaz
mit seinem Wintergedicht
im Blick der tief verschneite Soracte
Wälder in klirrender Kälte
im Kamin aber knistern Scheite
zu wohliger Wärme
aus dem Keller guter Wein
reichlich in Bechern
dazu träumen von der Liebsten
diese Abkühlung hat mit gut getan
und
den Schlusssatz nehme ich gerne mit
34
Passend
Doch noch Sommer
passender Seufzer für 2024
in meinem langen Leben
schon mehrmals so geseufzt
überhaupt viele solche Déjà-vus
sie langweilen mich nicht
da sind doch kleine Alltagsfreuden
ein Kind lächelt dich an
eine junge Frau bietet dir in Bus ihren Platz an
ein Hund sieht dich und wedelt
anspruchslos simpel schön
immer passend
33
Schönes Warten
Gala Stern Geomagazin
füllen die leere Halbstunde
im Wartzimmer
führen in fremde Regionen
der Erde und der Gesellschaft
in schöne Landschaften
zu schönen Menschen
warte nur
bald mit Medizin Massage Frisur
gehst du auch
in ein neues schönes Leben
32
Ein Regengedicht erinnernd
Der Regen regiert den Sommer
trist für die einen
anregend für mich
il pleut j’entends le bruit égal des eaux
nachts
wenn das regelmässige Rauschen des Regens
mich hineinträgt in zufriedene Ruhe
lasse ich mich fallen
eine neu entdeckte Heiterkeit
begleitet mich
befreit zu klarem den Blick
schiebt was bedenklich weg
le deuil de l’air afflige les oiseaux
ich sehe Spatzen
flattern und spritzen
genüsslich plustern im Regenbad
non au deuil
il pleut j’entends le bruit égal des eaux
und freue mich über den Klang
dieser wunderbaren Zeile
René-François Sully Prudomme PLUIE
Il pleut. J’entends le bruit égal des eaux ;
Le feuillage, humble et que nul vent ne berce,
Se penche et brille en pleurant sous l’averse ;
Le deuil de l’air afflige les oiseaux.
…
31
Zum CH-Nationalfeiertag
erhalten Leser im Ausland eine Übersetzungshilfe
E chli räsoniere übers Waarte
S gett s gwönlech Waarte
morn getts Schpagetti z Mittag
am drüü chunnt de Buss
daa funkzioniert
s isch gwöönlech
daa isch quasi e halbs Waarte
Was gibt’s zu essen
wann kommt der Bus
ist banales Warten
bim richtige Waarte gits Läärschtele
vills isch offe da machts spannend
do lueget mr vörschi
beim echten Warten
gibt es Leerstellen vieles bleibt offen
gespannt geht der Blick vorwärts
häsch ä Bild oder meinsch eis zhaa
glaubsch
dasses so weert isch aber no lang nöd gseit
da sind Bilder
Vorstellungen wie es werde
sie bleiben Vermutungen
waa dööt vorne isch weisch no nöd
es get Lüt wo dr säged säb und säb chömi
was dort vorne ist weisst du nicht
mögen manche auch behaupten sie wüssten es
of dLängi gsee häsch aber glernt
die säged daa eifach
wie mers immer gseit hätt
die Erfahrung hat dich gelehrt
das wird so gesagt man hat es ja immer so gesagt
häsch glernt
dammer nie ales weiss
bis am Schluss nöd
du hast gelernt
man weiss nie alles
bis am Schluss nicht
da weert etz gad filosofisch
wel
villicht hätt sWaarte gar kein Inhalt
villicht isch es bloss so en Aart Motoor
wo aatriibt vorwärts immer nomoll vorwärts
nun
vielleicht ist echtes Warten inhaltslos
vielleicht ist ein Motor der antreibt
vorwärts
immer vorwärts
mengmool aber
isches au e Brems
bewegsch di nüme
waartesch und vepassesch e soo s Läbe
manchmal jedoch
ist Warten ein Hemmnis
bremst macht reglos
du wartest und verpassest das Leben
30
Optimierung durch Alphorn
Wäsche aufhängen
eine betuliche Arbeit
das schöne Gefühl etwas Nützliches zu tun
umgeben von Sauberem
leicht duftend oder einfach frisch
ohne Gedanken an Waschmittelwerbung
unerwartet Alphornklänge …
sie blasen mich samt hängender Wäsche
in bukolische Höhen und Weiten
alles nun
noch sauberer und frischer
die Seele lächelt
29
The Choir of Trinity College Cambridge
Du siehst, wohin du siehst, nur Eitelkeit auf Erden.
Was dieser heute baut, reisst jener morgen ein. (Andreas Gryphius)
Ich liebe es wie Texte aus dem Barock
von der Vergänglichkeit sprechen
persönlich klagend und tröstend in einem
genauso singt dieser Chor
unverbrauchter Stimmen
die alten und zeitgenössischen Weisen
wundervoll und berührend
sie sind jung haben ihr Leben vor sich
ich bin alt
noch ist ungewiss wann meines endet
sie und mich führt diese Musik
zuversichtlich und ruhig weiter
28
Worauf warten Sie
Mond und Sonne
takten die Zeit in Tage
die Natur macht Jahre
wir wandern darin
zählen unsre Jährlein
wissen was kommt
blicken um uns
lieber zurück
als vorwärts zum Ende
dort
endet
das Schweigen
27
Kurzsichtig
Hüt Morge isches tunkel
will nöd hell werde
s tonneret e Gwitter hogged of de Stadt
jetz chönsch säge
s isch grad wie of de Welt
of dere hogged au Schwäärs
hoffsch kan Blitz schlägi ii bi deer
so egoistisch tenggsch
und merggscht nöd dass di sötsch scheme
Ein Gewittermorgen
dunkel und verhangen
es will nicht richtig Tag werden
passt so zur Weltlage
dunkler als auch schon
Drohwolken noch und noch
wenigstens hier keine Einschläge
denkst du
und schämst dich nicht
26
Regensommer
Wolkenverhangene Tage
langweilen
trüben die Lebenslust
Regen Regen
andernorts rutschen Hänge
begraben Häuser und Menschen
Flüsse brechen Strassen auf
es ist Sommer
mir fehlen Licht und Wärme
mir fehlen die heiteren Abende
mit Freunden im Freien
immerhin
die Wäscheleine im Garten
ist heute Morgen
eine zierliche Perlenschnur
25
Sonntag 16. Juni
Glocken läuten
ein Sonntagmorgen wie er sein soll
sonnig ruhig
Menschen ohne Hast
kleine Gespräche
es ist still geworden
in der Stadtkirche
zehn Turmuhrschläge
brechen die Stille
seltsam mahnend
zehn schwere dunkle Schläge
hacken Lebenszeit
was wird
was droht
Orgel und Chöre
fallen vielstimmig ein
verzaubern
als wäre der Himmel schon offen
auftritt der freundliche Pfarrer
die Verstärkeranlage funktioniert nicht
verlegenes Räuspern
Hektik
die ganze Jenseits Staffage
bricht zusammen
nichts ist fest
alles
vergeht
die Turmuhr hat es gesagt
jeder Schlag
holt
zurück
auf den Alltagsboden
Es ist kühl im Depot ein Nachtrag
Totenschädel auf Blau
ein Foto der Iranerin Shirana Shahbazi
ich denke an mein Alter an das Regime in Teheran
mich fröstelt
ein Freund fällt auf Fake News rein
rutsch mir den Buckel runter
haut er mir hin
frostig
24
Fröstelig
Kühl ist es im Lager des Fotomuseums
so erhalten sich Fotos besser
sie verbleichen langsamer
erklärt die Kuratorin
chemische Prozesse bauen ab
unmerklich fast aber unaufhaltsam
letztlich verschwinden sie
es ist fröstelig im Depot
23
Es stehen Renovationen an
Regale Wände hinter Plastikfolien
liebe Freunde
haben alles abgedeckt
es stehen Renovationen an
ich sehe meine Bücher meine Bilder
nur undeutlich
verschwommen
als hätten sie sich verabschiedet
als wäre mir ein letzter Blick
gewährt vor dem Verschwinden
sie oder ich
ein Hoffen bleibt
einmal noch alles offengelegt
zu überblicken
so
wie im grossen Warten
am Ende
unserer Vergänglichkeit
22
Geissfuss – Aegopodium poda
Meine Tageszeitung preist ihn
seine lockeren weissen Dolden sein dreiteilig gegliedertes Blatt
und begeistert
«Gehört zu den nahrhaftesten Wildpflanzen überhaupt.
Und er ist eine veritable Geschmacksbombe,
erinnert an Sellerie, Rüebli und Peterli, die alle mit ihm botanisch verwandt sind.»
wundervoll das ist Natur
leise steigt ein Bild auf von einst
den jätenden Schüler ärgerte
das lästige Unkraut
kaum auszurotten wegen des dichten Wurzelwerks
weniger begeistert
lande ich schliesslich bei der Arbeitsgemeinschaft Futterbau
«…geringwertiges, nicht schmackhaftes Kraut. «
aber was ist nun
vom einfachen Kraut
ins Streitgespräch
‘Da steh ich nun ich armer Tor…’
21
Meine Rosen
Nun hat ein scharfer Regen
die Blütenpracht versaut
man hofft
die nächsten Tage
richteten sie wieder auf
ich steh dabei
und
warte
20
Mein kleines Glück
Nun ist die Zeit der Blumen
Löwenzahn überzieht ganze Wiesen
weisse Kerzen auf den Kastanien
ich war im Verzug
da lagen noch Futterknödel für Meisen
weg mit allen an die Wäscheleine
und nun heute Morgen
hockt eine Meise auf der Leine
plustert und putzt sich eifrig
kurz darauf turnen und picken
weitere Meisen am Futter
eine Spatzenfamilie versuchts auch
nun eine Amsel
will sie kontrollieren was da läuft
was für ein fröhlicher Morgen für mich
19
Beinahe sprachlos
Verlegen versuche ich
zwei liebe Gaben in Worte zu holen
Tulpen noble
langstielige Eleganz
weiss
getönt mit einem Schuss gelb
hellrosa geflammt
wie Federn
anmutig
luftig
und
eine Pfingstrose
hin geflattert
eine Handvoll Seidentüll
zerknüllt durchsichtig
Schleiernessel
köstlich gestickt
aus der Mitte leuchtet Purpur
tief violettrote
Pinselstriche
auslaufend In feine Haarlinien
beinahe sprachlos vor so viel Schönheit
18
Gestern mit Publikum – ein Stenogramm
Zuerst
eine liebe Würdigung
virtuoses Cello
ich habe geredet
von Alltäglichem
Erinnerungen ausgegraben
Tod und Sterben gestreift
den Krieg
am Schluss
die alte Liebe
wie immer
nochmals gelobt
heitere Mienen
nach dem Schlussapplaus
danke
17
‘Die Ros ist ohn’ warumb, sie blühet, weil sie blühet.
Sie acht’t nicht ihrer selbst, fragt nicht, ob man sie sihet.’ Angelus Silesius
Ich zähle grüne Rosenknöpfe
durchs Fenster
erblicke ich dreissig und mehr
ein Rosen Mai erwartet mich
die Rosen feiern
blühen
wem zuliebe nur
wunderschöne Bienenweide
Düfte und Farben
für Verliebte
irrt sich Angelus Silesius
16
Blattwerk
Heute Morgen
hellstes Azur von Ost bis West
wohin soll die Sorge um einen lieben Menschen
ins Lindengrün der Buschröschen
ins rötliche Blattwerk nebenan
die Rebe treibt zarte Wollblätter
ist dem Laube der Rebe zu trauen
noch geht es Monate bis Trauben blauen
es kommt was kommt
trag Sorge zu den Schossen
15
Zu früh zu spät
Dieses Jahr ist alles
zu früh dran
Blust überall und Hummeln
sogar die Apfelbäume blühen schon
Honigbienen
habe ich noch nicht bemerkt
ich bin wohl ein schlechter Beobachter oder
zu spät dran
ob zu früh zu spät
überhaupt eine vernünftige Sichtweise ist
als denkendes Wesen
erlebe ich
jeden Augenblick
als einmaliges Jetzt
14
An Ostern
Pistazien-Eis cono pistacchio
Du schlenderst durch die Stadt
auf den Mäuerchen beim Kirchplatz
kleine Schleckmäuler mit Eis
so startet neues Leben
Ostern
mit italienischem Eis
unsere Toten kommen nicht wieder
auf den Gräbern
Tulpen Primeln
überall Löwenzahn
Scharbockskraut Schlüsselblumen
erste Blätter des Türkenbunds
wagen sich ans Licht
13
Tag der Poesie
Am Tag der Poesie
habe ich gekocht
für einen Lyrik Liebhaber
die Wurst gehaltvoll würzig
das Gemüse erfreute die Zunge
die Nudeln mit gutem Biss
das Ganze ein Gedicht
Einladung
Auf der Suche nach Wörtern
zur Karwoche
Dorn Nagel Tod
Kerze
Hase Ei Brot
betrachte sie
sprich sie
tausend Gedanken
tausend Gefühle
zu jedem Wort
12
Fixpunkte
Ein regnerischer Frühlingsbeginn
verhangen grau trist
passt zum Zwiespalt dieser Tage
Kriegsgräuel
neben
wohltuendem Regen
passt in die Tradition der Passionszeit
da ist der Martertod am Kreuz
da sind Tulpen und Primeln
Kruzifix und Blüten
schreien schweigen
und wissen
das Leben geht weiter
11
Bedenkend
Woher nur
nimmt die Nacht
ihre Geschichten
vom Hamsterrad des Erinnerns
vom Müll vergangener Jahre
vom Jauchzen einiger Tage
vom Suchen
von namenloser Sehnsucht
wie oft
im Traum
alles verloren
alles erreicht
wach
dann ein Dank
für den neuen Tag
mit Schmerz mit Lachen mit Suchen
10
Vor dem Fenster
Bei mir liegen Steine
vor dem Fenster
Zeugen einer gewesenen Welt
Artefakte mit Muschelspuren
fein gerippt
Spuren verschwundener Meere
vielleicht nur Kratzer
im Gesicht
meiner lieben Erde
vergangen nicht untergegangen
daneben auf dem Sims liegen
Bims Obsidian
in vollkommenem Schwarz
einfach so als kämen sie nicht
aus gewaltigen Eruptionen
und ich sehe
vor meinem Fenster
Meere
Wellengefunkel
das Licht des Südens
den Vulkan
Sizilien
reich golden faszinierend
und
gefährlich
Gattopardo
9
Staub
Bücherstaub
kitzelt die Nase
nur die Nase
die Wörter bleiben
wie praktisch wäre
diese kröchen ebenso in mich
aber siedelten
im Hirn im Herzen
wo auch immer
kitzelten dort
bewegten zu Einsicht
rührten wärmten
beflügelten die Fantasie
schüfen neue Sätze
und
liessen den Staub
Staub sein
sogar in der Nase
9
Bauchdichter
Der Kopfdichter will schreiben
über Abstandnehmen und Abschied
dazu begibt er sich in die Höhen
ernsten Nachdenkens
philosophisch angeturnt
sucht er nach dem ersten Satz
leider
klingelt die Hausglocke
der Container mit Küchenmüll soll an die Strasse
ok – Arbeit für die Muskeln
darin sind Reste der Agretti
geputzt mit kleinem Ärger über deren Zustand
gekocht dann köstlich wie stets
da meint die Nase noch läge in der Luft
ein schwacher Duft
des köstlichen Bratens auch gestern Abend
alltägliches Auf-und-ab
statt Abschied
Einladung
zu heiterer Gelassenheit
8
Sie in ihrem Alter
Sie in ihrem Alter
selbst die Wirbelsäule beginnt so zu reden
ich warte nur
bis es auch die Meisen zwitschern
ach was seufzt das Alter
du hast noch
Morgen und Übermorgen
freundliche Tage
vielleicht noch Reste
von Gestern nachgeworfen
nimms auf die leichte Schulter
vergiss und hör auf zu träumen
du wärest aus Marmor oder Erz
du hast eine Zukunft
basta
7
Danksagung
Bevor ich Blumen in den Kompost werfe
pflege ich laut danke zu sagen
sie haben mich erfreut
der Dank ist verdient
jetzt räume ich meine Bibliothek
noch bin ich mir noch nicht im Klaren
ob auch bei jedem aussortierten Buch
ebenso zu danken wäre
ich habe es nicht gemacht
und hole es hiermit pauschal nach
danke ihr treuen Bücher
ihr hättet ein langes Leben verdient
leider ist die Lust zu blättern
digital geworden
Papierknittern ist kleinen Piepsen gewichen
merci adieu ciao RIP
6
Bücherleben
Über Jahrzehnte
den Büchern verfallen
gesammelt gehegt
es war Lust und Gier
auf alles
auf die ganze Welt
wer sie erklärt
wer sie beschreibt
und was sie erzählt
Farben Düfte
Fremdes Bezauberndes
Unheimliches Abstossendes
die Augen tauchen ab in den Zeilen
die Hand gleitet über das Papier
als wäre zu ertasten was da steht
Bild folgt Bild offen
Schönheit und Heimlichkeit
nah und greifbar
nun aber
Blatt um Blatt weggelegt
bedauernd
geh geht
5
Zur Zeit
Zur Zeit wird
mein Wörterdepot
etwas strapaziert
die Ansprüche für Gedenkfeiern
sind hoch
für Geburtstage bescheidener
anders
auch schwierig
für die leider häufigen Beileidsbriefe
weiterhin
sorgfältig zu wählen ist
wenn es um die Liebe geht
allerdings
ist das
eine lustvolle Sache
4
Die Wörter stocken
Schnee viel Schnee
Raureif an jedem Zweig
Sonnenschein und klirrende Kälte
aber die Wörter stocken
ob
wegen dieser Schönheit
mein Gemüt ist ja nicht erkaltet
aber die Wörter stocken
3
Für Thomas
Heute genügt ein freundliches ciao nicht
der Adressat vor mir
mit ruhigem wächsernem Gesicht
ist tot
im Gestrüpp der Erinnerung
das richtige Wort finden
jetzt schon
fällt schwer
so wähle ich fürs Erste
was Jahrhunderte galt
ruhe in Frieden
und weiss
zu reden wäre
von gemeinsamer Freude
von Dankbarkeit
von unendlich viel Dank
2
Kohl
Ich habe Gemüsesuppe gekocht
einen grossen Topf
sie wird mich die nächsten Tage ernähren
nur
jetzt riecht es in der Wohnung
nach Kohl
aus der Erinnerung kriechen
Kohldüfte von früher
Gerüche aus Internatsküchen
stickig unangenehm
jetzt riecht es so bei mir
ich weiss
Kohl hat Tausende ernährt
Kohlwickel heilen Kohl ist voller Vitamine
aber
er riecht
so
kohlig
schäm dich
du empfindliche eingebildete Nase
1
2024
Eine gewisse Verlegenheit lässt sich nicht leugnen
wie soll es nun heissen
dieses neue Jahr
Jahr der offenen Fragen
der Kriege
waghalsiger Hoffnung
der fortgesetzten Enttäuschung
Grab des Optimismus
ich setze mich mal hin
passe ab
bis die Meisen sich gütlich tun
am Samenknödel
und warte
2023
52
Silvester Neujahr
Stephanstag vorbei
die ersten Weihnachtsbäume liegen
am Strassenrand für die Müllabfuhr2023
der Zauber ist weg
ich jammere nicht
ich sehe das einfach nicht gern
es ist das Los der Vergänglichkeit
Silvester Ende
und
Anfang voller Fragen
in ein Jahr
mit Knall und Raketen
51
Vor Weihnacht von Weihnacht schreiben
eine Versammlung ohne Vers
Nr. 5
In allen Sparten von Kunst und Handwerk
finden wir wunderschöne Weihnachtsdarstellungen,
nicht umsonst haben Weihnachtslieder
die Welt umrundet.
Ich wollte schreiben erobert.
aber genau das passt nicht.
Frieden erobern?
Bleiben wir halt bei White Christmas,
hoffen auf Schnee und loben
die Unbeschwertheit dieser Tage
reden miteinander und herzen uns
als Friedensbotschaft.
50
Vor Weihnacht von Weihnacht schreiben
eine Versammlung ohne Vers
Nr. 4
Noch nicht geredet
von kindlichem Kreativitätsboom.
Wer malt und zeichnet für wen?
Patinnen, Tante, Onkel, Omas.
Oh, nicht das Ergebnis wog,
die Lust etwas zu schaffen,
in einer Art kuscheliger Heimlichkeit.
Ich erinnere mich, dass ich mich
als Bub zum Kripppenbauer entwickelte.
Zum Brennen der Lehmfiguren reichte es nicht,
nur zur hübschen Bemalung.
Jetzt im Alter
habe ich es wirklich zum Presepiario gebracht.
Ich montiere Papierkrippen von Ausschneidebögen
in Zigarren- und Grappakistchen.
Gerne lasse ich mich hineingleiten
in eine Bastelzufriedenheit wie damals als Kind.
Um ein Kind dreht sich ja alles.
Jedem Kind wünsche ich etwas
von der liebevollen Aufmerksamkeit,
welche frühere Generationen
dem Kind in der Krippe entgegenbrachten.
49
Vor Weihnacht von Weihnacht schreiben
eine Versammlung ohne Vers
Nr. 3
Kirchliche Traditionen im Advent
sind grossartige Inszenierungen
in Liedern und Ritualen.
Klaglos wanderte Jung und Alt
täglich im Morgendunkel
zur Kirche wo mit dreimal Ave Maria
die Rorate Messe begann.
Schon das Wort Rorate
klingt geheimnisvoll und verheissungsvoll.
Da regnen Wolken erlösenden Tau,
da reissen Tore auf und aus Himmeln
ergiesst sich göttlicher Segen
auf die Gläubigen zu früher Morgenstunde.
Melancholische Lieder in Moll,
Kerzen, Kerzen, Kerzen,
flackerndes lebendiges Licht
auf strahlenden Kindergesichtern.
Mag sein, bei einem und andern
noch etwas Bettmüdigkeit, aber froh,
immer voll Erwartung auf Kakao
und Gipfel im Pfarreisaal.
All das hat sich eingeschlichen,
irgendwo abgelagert,
berührt noch nach Jahren
und macht uns den Abschied schwer.
48
Vor Weihnacht von Weihnacht schreiben
eine Versammlung ohne Vers
Nr. 2
Manchmal lag zwischen Fenster und Vorfenster
am Morgen eine süsse Kleinigkeit
allerdings nur, wenn abends
ein Brieflein ans Christkind dort lag
mit bescheidenen Wünschen.
Freude oder verhaltene Enttäuschung,
aber kitzelnde Vorfreude auf das Fest
überwogen, scheint mir heute, und
Neugier auf das nächste Fensterchen
Im Adventskalender. Tag für Tag.
Engelskirchen, Himmelspforten, Weihnacht
da muss Post ans Christkind wohl hin.
Wer hatte die Idee?
Heutzutage bietet jede Post
einen Christkind-Service an.
Einkaufszentren mieten einen roten Nikolaus
schon im November dazu Weihnachtsgebäck,
als wäre das Fest schon morgen.
Aber Christkindl im Unteren Steyrtal
habe ich erst im Erwachsenenalter
als reizvollen Wallfahrtsort entdeckt,
mit der wundervollsten geschnitzten
Barockwolke als Hochaltar
47
Vor Weihnacht von Weihnacht schreiben
eine Versammlung ohne Vers
Nr. 1
‘Winterstimmung auf der Schwägalp’
Post von letztem Jahr.
Verschneite Fichten, blauer Himmel.
So soll es sein. White Christmas.
Ich muss wohl die CD einlegen.
Es schneit tatsächlich, schweren nassen Schnee.
Winterpneus montieren.
Als Kinder jauchzten wir, sofort war da
Freude auf Schlitteln und Schneeball
‘Es schneielet es beielet’ das Liedchen
in zierlichen Verkleinerungsformen.
Sonderheit unserer hiesigen Sprache.
Sogleich auch der Einfall Räucherpfanne oder Rauchfass
hervorzuholen samt Weihrauchkörnern.
Bevorzugt Dreikönigs–Mischung schwarz und golden.
Für den segnenden Rundgang
durch Haus und Garten ist allerdings noch zu früh.
Vielleicht immerhin der Gang auf den Dachboden
zum Karton mit der weissen Pyramide,
Ich hole sie schon mal runter.
Krippenfiguren bleiben noch in der Schachtel.
In der Stadt hängen schon die Leuchtsterne.
Sternenstadt sagen sie.
Im Flur habe ich die Lichterkette montiert,
also Sternenwohnung – oder?
Morgen kaufe ich Mistel und Kranz
für Tür und Hauseingang –
küssen soll erlaubt sein.
Kein Leuchtrentier vor dem Haus, nein.
Ins Haus flattern Bettelbriefe
Eine oekumenische Einladung zu Altersfeiern
mit Sternsingenden –was für ein hässliches Wort.
Immerhin gut gemeint, was dann wie oft ins Auge geht.
46
Résumé
Mir schien mit fünfzehn
es müsse mir alles gelingen
jetzt blicke ich zurück
sehe wundervoll Gelungenes
sehe einen Haufen Gescheitertes
reihenweise Banales
es bleiben etwas Scham
wenig Verdriesslichkeit
aber Berge von Dank
und etwas Stolz
45
Ritornell
Am Ende
ist
ein Anfang
hineingezwungen
hineingerutscht
hineingefallen
glücklich
wer auf den Füssen
landet
den
ersten Schritt
wagt
weiter
wieder
zu Ende und Anfang
44
Schwierig
Auch
Schreiben
ist schwierig geworden
die Kriege im Sudan
in der Ukraine in Palästina
sind nicht unsere Kriege
bohren
aber im Kopf
sind so unsere auch
sie stören
wir
haben uns eingerichtet
als Zuschauer
verlegen zappe ich
zu Fussball
Radrennen Tatort
Krieg stört
was ist da noch zu sagen
ich sortiere Ansichten
blende unbeholfen
Tote und Trümmer aus
vergeblich
in Sicht ist
weder Leichtes noch Heiteres
43
Geburtstag in Wien
Beton
50 Meter hoch
ein Flakturm im Augarten
Zeuge eines unseligen Krieges
auf dem Rasen davor
Fussball spielende Buben
kleine Balgereien
stop stop rufen besorgte Mütter
Grüppchen von Familien
beim Picknick
auf Tüchern schlafende Babies
heute Nachmittag
eine richtige Parade von Kinderwagen
und Hunden an der Leine
der Flakturm
wird nächstes Jahr
achtzig
42
Sätze zum Zeitlauf
Krieg
ist wieder
an der Tagesordnung
Dauernacht
+
sie
nehmen sich
das Recht für Unrecht
vergewaltigen morden
+
die alte
üble Saat geht auf
+
Verachtung für Verachtung
Hass zu Hass
gesegnet
+
die Engel schweigen
kein Gott
greift ein
+
wir reden und träumen
von Frieden
in unseren Händen
+
voller Wut
gewaltlos
gegen Hass
+
wer weint
zerbricht nicht
41
Wie eh und je
Gewöhnliches ist
leicht zu übersehen
ist simpel bloss da
Gräser wachsen was ist da dran
Morgen und Abend immer wieder
Kompliziertes
braucht Geduld
Wissen
vielleicht Glauben
Verschwörungstheorien
sind praktisch
Lügen handlicher
es braucht nur etwas Druck
und
die richtigen Prediger
wie eh und je
mein Lieber
protestiere
wer hörts
Gras ist friedlich
die Toten
liegen anderswo
wie eh und je
40
Kunst Museum Winterthur Caspar David Friedrich
Gestern im Museum
wundervoll
Zeichnungen und Gemälde
präziseste Naturbetrachtung
und
offen oder versteckt
Wege
Zugänge
in unsere Seele
vom Zug aus sehe ich
feine Nebelschleier
am Waldrand
über Feldern
warmes Morgenlicht
und lange Schatten
ein Herbstmorgen
wie bei Caspar David Friedrich
geschenkt
39
Heute morgen
Soll ich schreiben heute morgen
vom Blick ans Firmament nachts zwei Uhr
vom ungläubigen Staunen
über die Sternenfülle
jähes Erinnern an Wüstennächte
oder soll ich schreiben
zu heutigen Kriegsnachrichten
aus Armenien Kosovo Ukraine
lass das Aufzählen
es ermüdet langweilt
oder soll ich schreiben
von unserer Vergesslichkeit
unserer Denkfaulheit
als wäre das All
in seiner unglaublichen Grossartigkeit
selbstverständlich
und das Zerstören und Töten
in den Kriegen
ebenfalls
es ist Herbst
die Nächte kühl
jetzt wärmt die Sonne
38
Anmutungen in Cambridge
Beim Kings College
grasen Rinder
ein schöner Anblick
lerne 1
geniess was vorgesetzt
bedächtig
und ausdauernd
und
nur zweimal gekaut
wird alles
verdaut
cool
lerne 2
im Haus
gelehrsamer Geist
draussen
nur Vieh
Gentlemen
seien Sie keine Methan rülpsenden Rinder
sehr cool
37
Résumé zur Gotik
Da war
eine Idee
Genies
der Blick für Schönheit
Kunstfertigkeit
Fleiss
Muskelkraft
Machtwille
Geld
gar
so glauben wir
fromme Hingabe
36
Der kann was erzählen
Der Autor ist auf Reisen
und widmet sich der Kunst
er will die Gotik preisen
und hofft auf Wetters Gunst
er wird euch flugs berichten
sobald er hier zurück
sofern ihn nicht die Gotik
entführte ab ins Himmelsglück
35
Männertreffen
So Kumpane lasst uns singen
los mit unsern alten Liedern
schon tönen unsre Männerstimmen
ach die schöne alte Zeit
noch klingt es fast wie früher
was dran fehlt ist nur der Ernst
was sollen da schwarzbraune Augen
was die milden Maienlüftchen
wir meinen alles dies nicht wörtlich
Liebchens Stübchen ist nur Nostalgie
schon damals waren es nur Wörter
weit ab von dem was wirklich war
jedoch was stimmt bei so viel Kitsch
hier sind Freunde echt und lieb
die den Augenblick geniessen
und sich selber klug belächeln
34
Ferragostso
Draussen ist brütige Hitze
so bleibe ich im Haus und
spiele Erinnerungssammler
da fällt mir in die Hand
Ricordo di Venezia
ein Heft in grossem Querformat
achtzehn farbige Bilder
passt denn
die Zeitungen berichten in diesen Tagen
wie die Stadt überflutet wird von Touristen
das ist ja nicht neu
Touristen waren auch meine Eltern
auf der Hochzeitsreise
1920
sie brachten das Heft mit und
eine Vase aus Muranoglas
dazwischen sieben Geschwister
1960
Tourist auch ich an Ostern
Vesper im goldenen Dom
Monteverdi berauschend
allein die Stadt erkundet
wagte nicht
die hübsche Studentin anzulachen
deren Weg ich immer wieder kreuzte
Venedig hat eben
seine Dramen
kleine und grosse
zwischen meinen Büchern
finde ich eine alte Fotografie
leicht vergilbt
Markusplatz beim Campanile
was für ein Auflauf festlich gekleideter Menschen
um eine riesige Fontäne
den Springbrunnen gibt’s nicht mehr
1902 ist der Campanile eingestürzt
und hat ihn begraben
das grosse Drama für die Venezianer
auf eben diesem Turm
hatte Galilei sein Fernrohr getestet
und das alte Weltbild gekippt
nur lügend ist er der Inquisition entwischt
ein jämmerliches Drama
eppur si muove – aber sie bewegt sich doch
seit 1912 steht eine Kopie der alten Baute
ein Fake- Campanile tröstet alleweil
33
Sommerpause
Der Sommer macht seit Tagen Pause
ist er und wohin verreist
kauft er sich neue Sommerkleider
neue Winde Wolken neue Wärme
wir wissens nicht
immerhin verführt dies mich
zur sonderbaren Frage
gibts irgendwo noch einen weiteren Sommer
es sei doch alles relativ
lehren uns Einstein und Konsorten
die Jahreszeiten dann wohl auch
der Sommer beispielsweise
könnte sich selber überholen
und träfe sich dann oh
im eignen Rücken wieder und verdoppelt
drum macht der Sommer vielleicht Pause
wir warten auf seine Rückkehr
mit Hitze oder etwas Wärme
und wollen dann in frischen Abendstunden
diese schwierigen Gedanken klären
32
Regen
Regen rauscht
fast höre ich darin
den Wellenschlag des Sees
das Grummeln des Wiesenbächleins
kleine kurze Trommelwirbel
scharfe Blechsynkopen
vom Gartentisch
vom streichelnden Giessen
zum zögerlichen Tropfen
eines Blätterlieds
auf und ab
Ruhe
31
Zum Nationalfeiertag
Hans
wohnt im Land der wütenden Patrioten
attackiert von Kriminaltouristen
verstopft von Klimaklebern
verseucht von Asylanten
Hans im Glück
gecoacht von Schellenträgern
Breitmaulnashörnern
Schlagwortlieferanten
schiess Hans schiess
alle
mit den Feiertags-Raketen
in die Nacht
los machs
sagen sie
bleib Hans im Glück
schlaf gut
vergiss die blöde Bande
kluger Hans
30
Da sein
Mauersegler
es mögen dreissig vierzig
sein im Abendlicht
hoch über uns
hinreissend
Tempo und Präzision
gestern
heute
in der Frühe
zarte Lichtvorhänge
fallen
aus Wolkenbändern
Morgengrau
Stare und Krähen
auf den Feldern
29
Kostenlose Aufführung
Ein Hitzetag
Siesta
ein Fliegenballett
hindert mich am Einschlafen
zu toll ist die Darbietung
Angriff und Abwehr
oder Pas de deux
bescheidene Ablenkung
vor dem Abtauchen
ich mag das
mehr und mehr
ertappe ich mich
bei solchen Beobachtungen
ohne Gewicht
was mich da streift
muss ich nicht einordnen
es ist die zarte Berührung
des Lebens
mehr nicht und alles
28
Im Zug
Heiteres Gesicht
rechts im Blickfeld
sie telefoniert ununterbrochen
deutsch slowakisch oder so
lächelt kichert gluckst
bündelt hingebungsvoll
ihre langen braunen Haare
Frau
Dürer Giorgione Matisse
van Eyck Rubens Vermeer
Cranach Burgkmaier Klimt
Derain Cézanne Modigliani
Frauen
im Nebenabteil
ein El Greco Gesicht
in sich gekehrt schmal
drittlig gegliedert
lange dunkle krause Haare
strenger Mittelscheitel
sitzt und schreibt
Notizen
in ein kleines Heft
Frauengesichter
27
Dinge
Biergartenbank
ein Glas Wasser
Sackmesser
Kamm
Schnittlauch
Kies
ich höre wer darüber läuft
manchmal sind es
Wörter
würzige krallende
schneidende
fliessende
deftige
26
Das Firmament betrachtend am längsten Tag
Ein Sichelmond
ins Abenddunkel geritzt
präzis
nur ein Strich
sagt an was kommt
gegenüber
hingesetzt als einzelner Stern
Venus
Bild grosser Ruhe
es spricht vom Bleiben
heute
willst du nicht denken
ans leise Schwinden
des Tageslichts
25
Wortspielerei im Garten
Meerettichpaddelblätter
Kardendistelpersönlichkeiten
Nachtkerzenlichter
Türkernbunddutzend
Melissendschungel
Rosenlawinen
Luftzwiebelstreber
so etwa lässt sich
was ich sehe festhalten
dazu
Hortensienhügel
Lavendelwäldchen
Rosmarinbonsais
Lorbeerkrüppel
und über allem
Reblaubzauberdickicht
24
Stille ausmessen
Der Helikopter
zerhackt die Gartenstille
Bienen und Hummeln
metallsirrig brummig
am Insektenhotel
ein Sportflugzeug
schnurrt nach West
hie und da Autos
fast lautlos
angenehme Sommerwärme
über allem
verführt zu kurzem Dösen
23
Ginkgo biloba
Der Ginkgo in meinem Garten
verteilt seine Äste
als wüsste er nicht wohin sie gehören
ein Baumchaot
macht wie er will
ich liebe ihn
grosszügig im Grossen
im Kleinen aufgefächert delikat
sein Doppelblatt ruft gleich herbei
den alten Goethe neuverliebt und
philosophierend
zwei in Einem
in Einem zwei
ich bin altverliebt
noch guten Auges
und möchte bleiben weiterhin
ein Baumchaot
22
Pfingstgarten
Ein Garten
leer
da fallen hinein
meine Träume meine Verluste meine Freude
legen Muster
die noch niemand gesehen
aber alles vermag nicht zu füllen
die Leere
die befreiende
beglückende Leere
dieses geschenkten
geschützten Gevierts
Feld
meines Glaubens
21
Existenzbeweis
Auf dem Bilderrahmen
ziemlich alt vielleicht hundert Jahre
Punkt Punkt
Pünktchen
Fliegenkot
20
H.R. Fricker ist gestorben
Wie stirbt im Frühling
er
einfallsüberreich
furchtlos wortkarg beredt
immer wieder überraschend
sichtend grabend
Kieseln Brocken Steinen
ein Buchdenkmal gesetzt
Berggänger auch
begnadeter
Findlingsbenenner
seine
Briefmarken fragen
who is afraid of word and sentence
liess
Menschen am Rand
zu Wort kommen
hat meiner Stadt ein Rückgrat verliehen
Messing Denkanstösse
im Boden verankert
ich wohne zwischen
dem Ort der Manie und dem Ort der Begierde
und ich fühle mich nicht schlecht verortet
danke
spräche er mir doch auch
vom Sterben im Frühling
da
nun
ist er gegangen
ohne Antwort
im Löwenzahnfrühling
*St. Gallen, eine Stadt, eingeteilt in 14 Orte-Felder, denen Begriffe der menschlichen Existenz zugelost sind, sie stellen eine Art Rückgrat (5,8 km) dar. Die Orte sind mit Messingbolzen in der Strasse markiert. Ort der Idee/der Scham/der Illusion/der Angst/der Lust/der Skepsis/der Wut/der Vision/der Ironie/der List/der Zeit/der Trauer/der Manie/der Begierde
19
Petit Rien
Ein Bummel durchs Quartier
Bewegung für meine alten Knochen
kein Anlass für ein Gedicht
ach ja es grünt aller Orten
ach ja es regnet
nach schneearmem Winter
nach trockenem März eine Wohltat
aber dann
rot gelb im Gebüsch
ein Distelfink
da und schon weg
mein Herz lacht
als wäre das
unerwartet
der Gruss eines alten Freundes
18
Kantate über Texte von mir *
Ein liebenswürdiger Komponist
erklärt mir die Partitur der Kantate
ich bin ein schlechter Notenleser
mein Kompliment ist ehrlich
sie gilt der freundlichen Erklärung
für den Einblick in den Bau
im Ohr aber
klingts noch nicht
das kennt der Agnostiker
etwas ist da aber was
er hofft es löse sich einst
wie Glaubenswelten vorschlagen
ich stehe hier
und warte
auf Sopran und Bariton
zwei Violinen Viola Cello
auf Horn Fagott und Klarinette
liebe Leserinnen und Leser bitte
findet sie
die mich aus meiner Ungewissheit
mit ihren Tönen erlösen
*Flora schöne Nachbarin
17
Gräser im Kiesplatz
Gräser auszupfen zu müssen
Im Kiesplatz vor dem Elternhaus
wie habe ich es als Kind
gehasst
aber genau das
habe ich heute Morgen
in meinem Gärtchen gemacht
lustvoll
siebenundsiebzig Jahre später
16
Auf dem Gehweg
Vor mir
auf dem Gehweg
kugelt ein Büschelchen
Fäden
Spinnweben
kugelt hält kugelt
ein dürres Blatt rutscht
stoppt
ein andres fliegt drüber
ein Wind
treibt
so ist das Leben
sagten die Barockdichter
15
Ein Osterspaziergang
Palmsonntag
Körbe mit Buchszweigen
einige grosse Palmwedel
da stehen wir
ältere Frauen und Männer
Junge fehlen
ein Dutzend Ministrantinnen weissgekleidet
der Priester in Rot wird die Zweige segnen
dann Einzug wie in Jerusalem
ohne Zuschauer
wir erinnern uns
an junge Männer mit bändergeschmückten Palmen
an junge Frauen mit Körben voll Äpfel
damals
kommt die leise Wehmut im ‘damals’
vom Verlust der schönen Bilder
waren damals die Akteure
erfüllt von echter Betroffenheit
oder
war es dort schon Folklore
Karfreitag
Prozessionen am Karfreitag
in Mendrisio zum Beispiel oder irgendwo
Gedenken an Leiden und Tod
als Touristenattraktion
müssten da nicht mitgehen
afghanische Frauen Iranerinnen Uiguren
und
Menschen laut lesend
die endlose Liste
von Verfolgten Gefolterten Missbrauchten
und wir Zuschauer
weinten
über unser Versagen
über das Wegsehen
und unsere Ratlosigkeit
Ostern
Wir glauben
an den Frühling
dass Gras wieder wächst
Knospen platzen Veilchen blühen
und die Buche grünt
und
wir hoffen
es sei so auch weiterhin
von Jahr zu Jahr
und
wir lieben
die alte Liebe
wir loben sie mit guten Worten
und neuen Wörtern
allelujah
so geschieht es
14
Bei Altdorf die zerbrochenen Berge gesehen
Alles geht so schnell
meine Liebe
vier heitere Tage im Süden
schon vorbei
Primo Secondo
ein Glas Arneis
ein Glas Nebbiolo
vorbei
zurück in den Norden
die Alpen unterquert
in weniger als einer Stunde
aus dicken Wolkenbändern
ragen verschneite Felsklötze
zerbrochene Berge
entstanden
vor fünfzig Millionen Jahren
die Alpen sind ein sehr junges Gebirge.
bald sind wir zu Hause
meine Liebe
alles geht so schnell
13
Ich liebe das Profane
Ich liebe
das kleine Gespräch über den Gartenzaun und
den Hund der Nachbarn hinterm Ohr zu kraulen
ich lieb es
die geschäftigen Hummeln zu schauen
vor dem Bienenhotel an der Mauer
ich liebe
die frühen Primeln das leuchtende Scharbockskraut
die erste Fliege in der Küche auch
ich liebe
was wächst obwohl ich es nicht gepflanzt
und mich überrascht mit Blatt und Blüten
ich liebe
den Alltag
das Einfache
das Profane
12
Schaufel flinke Hände und ein Sieb
Die Gedanken fallen
nicht ein
heute
vielleicht ab
in irgendeine untere Schicht
des Bewusstseins
wo sie lagern
über Mengen anderer Gedanken
früherer Tage
ein Hügel also
wie die Ruinenberge
untergegangener Städte
gern grübe ich darin
als mein eigener Archäologe
erführe von unbekannten Strukturen
nicht als Psychologe
nein als sorgfältig sortierender
Wortgraber
und schriebe dann
vielleicht
mit alten Wörtern
nochmals
neu
von meinem Morgen
11
Was siehst du
Ich sehe wieder
was ich schon kenne aus der Geschichte
Aufblicken zu einer Leitfigur
vielleicht Vater Mutter Ersatz
Mitlaufen
vielleicht Wunsch nach Herdenwärme
Kann nichts dafür
vielleicht zurück zur braven Kindheit
banal dumm und gefährlich
10
Reduktion
Vergehen
vergessen
verstehen
vergeben
vergessen
vermissen
verbleiben
verlassen
vergessen
vergehen
vergehen
verstehen
9
Die Wanduhr
Die alte Wanduhr
tickt brav
schnurrt zehn Schläge
und
fällt aus dem Takt
hinkt leicht
bis das Gewicht des Schlagwerks
wieder ruhig hängt
die Uhr tut ihre Pflicht
tickt von Vergänglichkeit
und
warnt den Geschäftigen
du
Mensch
bleibe im Takt
8
Ein Mantel
Der alte Mantel
mit Spuren
wie Notizfetzen
von irgendwann
ein Kaftan vielleicht
Rauch und Lieder
ein Kaput hartgerollt
mit Delle vom Knie beim Binden
Relikt von der Grenzwacht am Umbrail
oder von Juranächten
sperriger schwerer Militärstoff
nass von der Arbeit im Forst
voll Harz
mit Roststreifen
vielleicht aber
stimmt das alles gar nicht
ich habe es mir ausgedacht
weil es schön wäre
eine Spur des Trägers zu finden
gar des längst verstorbenen Vaters
im Abgewetzten
hinter dem Fadenscheinigen
eine Handvoll Vergangenheit
zu schöpfen
abzuwägen
und zu vergleichen
mit der Jacke
die ich beim Schreiben trage
worin irgendwo nistet
der Wunsch zu wissen
wer ihn trug
und wie es wirklich war damals
7
Petite habitation sommaire
Bereit eine kleine Unterkunft zu bauen:
nimm
Wörter als Bretter
Zeichen als Stützen
Heideginster Takt für Takt fürs Dach
man greift sie aus einem Haufen
wie der Maurer seine Ziegelsteine
für wen gebaut
keine Idee
kaum fertig
bricht alles weg
also los nochmals
wieder sammeln schneiden
Sprachbrocken vor dem Vertrocknen retten
ob diese Baute standhält gegen die Bagger die im Gehirn wühlen
unruhig ist diese Nacht
ohne Schlaf
ohne schützendes Dach
durchhalten
aushalten
als Bleibe
Haus für die die schreibt
Nach einem Text der befreundeten Lyrikerin Christiane Veschambre, Paris
6
Blechkuchen
Liebe Leserinnen und Leser
in Hessen und überall
Heute habe ich köstlich gegessen
ein Stück Kuchen mit Aprikosen belegt
also ein Stück Blechkuchen
hierzulande heisst er weniger prosaisch
Wääje Wää Chueche
Tünne Tülle Tünnle Tuurte
Pitte Zelte
gekauft beim Bäcker-Konditor auf einem Patisserieteller
einem länglich quasi rechteckigen Karton mit abgerundeten Ecken
vergebens habe ich nach zutreffenden Bezeichnungen gesucht
Lamésches Oval trifft nicht zu
eine namenlose Form also
es bleibt nur
beschichteter oder unbeschichteter Patisserieteller
basta
in solch unbedarften Wort-Wühlereien
verliere ich mich in letzter Zeit oft
wohl um mich nicht zu verlieren
in dieser traurigen Gegenwart
sinnlosen Tötens und Zerstörens
5
Der gute Morgen
Hie und da
machts der Zufall leicht
du findest deine Brille wo sie nicht hingehört
so wird es ein guter Morgen
da passt auch
nur mässiges Ziehen im Nacken
Kaffeeduft vielleicht
unpassend frühes Telefonklingeln
aber sehr freundliche Stimme
ein Vogelpfiff
Taubengurren
ein heller Himmel
und der Entschluss als Rentner
heute nur zu lesen
oder
in die Gegend zu schauen
und nichts zu tun
4
Schreib
Schreib
schreib vom Atem
Nebelhauch in der Kälte
Luftspur
da und verschwunden
schreib vom Wandel
vom Wachsen und Bewegen
schreib vom Leben
schreib nicht vom Krieg
heute nicht
3
Gegenüber
Gegenüber
blinken Lichter
Sturmwarnung
bleischwarz der See
darüber hängen Schneewolken
wo ich wandere
ist weder Wind noch Schnee
wann holen sie mich ein
hier
2
Nach Neujahr
Was wird
was nicht schon da war
letzthin oder vor einem Jahr
es dampft aus der Küche
zwei Karotten eine Kartoffel
auf den Teller
und eine Scheibe Käse
füll das Glas
setz dich
iss trink
und grüble nicht
1
Neben den Gleisen
Gräser
wippen
federnd
neigen sich weich
als streichle sie
zärtlich
der Wind
52 (2022)
Neujahrssprüchlein
Sag ciao sag servus sag adieu
zum Jahr das nun zu Ende geht
Abschiede schmerzen und tun weh
das kennen wir
der Blick voraus hingegen
macht frei und ist ein Segen
51
Rezept für heitere Tage
Wenn heute an vielen Orten
nicht Zerstörung und Not wär
wäre ich rundum glücklich
weil Krieg und Gewalt real
bleibt mir nur die Wahl
ich tu was dort hilft
ich such hier was mich froh macht
50
Noch zehnmal schlafen
Wie doch so kleine Sätze
mir Altem die Kinderzeit zurückholen
der Blick am Morgen vors Fenster
ob statt meines Wunschzettels
ein Gruss von irgendwo dort stecke
im Ohr die melancholischen Lieder
mit Wörtern die ich nicht verstand
vom harten Weh der Menschheit
von verschlossnen Türen weitem Tor
vom frühen Morgen mit Kerzenlicht
und vielen Menschen in der Kirche
wie sonst nie zu dieser Zeit gesungen
dreimal Ave Maria und dann Ovomaltine
Gefühle in eigenartiger Mischung
berührend fast alle
damals
49
Sehr moralisch
Das Jahr rutscht in die Hektikzeit
die war zwar nie so vorgesehen
aus Einkehr ist Einkauf geworden
für die die man die Lieben nennt
lass diesen Quatsch mach sie zur Zeit der Heiterkeit
des Unbeschwert-Zusammenrückens
jawohl trink einen Glühwein iss Konfekt
schau vielen in die Augen und sage
allen ein liebes Wort
48
November
Ich liebe den November
seine dunklen Tage
ich setze mich hin und gehe behutsam
durch vergangene Monate
sammle Erinnerungssplitter
die kleine Freude
als ich Misteln an meinem Bäumchen entdeckte
und die Trauer als sie abstarben
die Heiterkeit der Spatzenschar im Nachbars Garten
er ist gestorben seine Frau wird wegziehen
Menschen und Vögel werde ich vermissen
dann Zeilen von Namen
lieber Verstorbener
unvermutet solcher die schon Jahre tot
Elfriede liebenswürdige Pfarrerstochter
Hans guter Turner mässiger Schüler
von einem besoffenen Autofahrer getötet
Freundinnen Freunde Brüder Schwestern
Eltern
langsam verblassen ihre Gesichter
und ich suche
die freundlichen Augen
der geliebten Frau
immer wieder
und
die strahlenden Augen der Jungen
und
möchte aushalten
die fragenden besorgten Blicke anderer
47
IC 16h59 ab Winterthur
Föhnschlieren
Seepferd Alligator
zerfliessen zu ausgemergeltem Drachen
der Himmel macht auf Dramatik
giftgelbe Streifen
schwarze Wolkenzöpfe
drohend
aufgeschichtet zu riesigen Haufen
soll er doch
heute kümmerts mich nicht
ich mag das Farbenspiel
46
ICE Mimikri
Notebook Thinkbook Tablets Laptops
Stöpsel im Ohr
hochkonzentriert
Railoffice
klar
alle beschäftigt
sag nichts
schau verstohlen
90%
Gameoffice
45
Vor der Abreise
Was noch zu tun ist vor der Abreise
nichts Aufregendes
Koffer packen Freunde verabschieden
vielleicht im Kopf schon Bilder sortieren
zu jenen kleinen Geschichten fügen
die den Fundus fürs Erzählen bilden
wenn dann die Frage kommt wie wars
die unvermeidliche
mit einem Kuss
die Melancholie des Abschieds
mildern
44
Eine Libelle auf meiner Schulter
Eine Libelle landet auf meiner Schulter
bleibt fliegt weg
kehrt wieder
sie mag meine Schulter
mein helles Hemd
als Ruheplatz als Ausguck
mag mich als Partner
ist natürlich alles Humbug
ihr Habitat ist der Botanische Garten
ich bin ein Besucher dort
basta
eine kleine Freude aber
eine unbedarfte Träumerei
bleibt mir
es sei dies
eine echte Begegnung gewesen
zwischen ihr und mir
Lopf d Füess
Jetz im Herbscht
wenn d Strooss voll Blätter isch
en goldige Teppech
da freut eim
laufsch wie of Waldbode zmetts i de Stadt
und wenns denn sogär no raschlet
fühlscht di wie n e Chind
gescht häts grägnet
und jetz isch es sauhääl
ufem Berliner Pflaschter
muesch d Füess lopfe
schlaarpe liit nüme dren
s wöör di böös omhaue
bisch äbe nüme de Jüngscht
daa met em Omhaue
passt öberhaupt i die Tääg
a waa chamer sich no hebe
aals isch froogwördig worde
und Profeete vo allne Farbe
schnorred deer d Oore voll
lopf d Füess und
lueg wo d laufsch
und
wo d ane laufsch
43
Mein intellektuelles Dilemma
Umschau haltend in der Welt
auflistend Krieg Hunger Zerstörung Versäumnisse
heute
dazu blicken in Zeiten vor uns
frage ich
wie sind wir Menschen zu verstehen
wie ist die Unbegreiflichkeit des Menschen ein Leben lang auszuhalten
lese dann
`Glauben heißt: die Unbegreiflichkeit Gottes ein Leben lang aushalten.` (Karl Rahner)
nun frage ich
passt `glauben` auch für das Aushalten der Menschen
oder
sind beide Sätze im Grunde banal
42
Wider den Krieg
Rebellieren schreien
verweigern
raus aus der Privatwelt
alles riskieren
doch
alles schon x-mal gesagt
alles schon x-mal geschrien
x-mal erfolglos
rauskotzen
trotzdem
aber dann
das Leben loben
und lieben
jede
Minute
41
Zufälliges Glück
Du hörst ein freundliches Wort
du lächelst
das Wort war nicht zu dir gesagt
du lächelst trotzdem
und freust dich
ein guter Tag
40
Wart’s ab
Es wird wohl
ein strahlender Berliner Herbst
die Blätter wechseln schon zu Gold
wäre gut für uns Geplagte
schaudernd schon mit Gänsehaut
allein beim Worte Winter
Himmel und Händler mögen bescheren
Oel und Gas und Herzenswärme
damit wir überleben
mit Schärpe Mütze Federbett
ein Grog
ein Kuss und noch ein Kuss
Handschuh für klamme Finger
Ja nu
wart’s ab
an Ostern wollen wir reden
39
Mag sein
Es heisst
mag sein
dass dies und das sich wendet
mag sein es bleibt
mag sein
Ohren Augen
auf
zu
das sagt sich so
noch werden Mütter
zu Grossmüttern
und sehen
Kinder hüpfen
zwischen
Himmel und Hölle
38
Konzert mit Dachfenster
Pranken
auf den Tasten
Bach
kraftvoll
zerhaut die Partitur
streichelt die Trümmer
und fügt sie neu zu grandiosem Gebäude
lässt Sturm auffahren
wechselt zu kräuselndem Wellenspiel
grüsst Schubert Schumann Dollar Brand
mit dem Ave Maria aus Nuoro
lässt schaudern
berührt erheitert
Im Rechteck des Dachfensters
drei weisse Wölklein
ziehen und verschwinden
der Gipfel der Fichte unten links
stur unbewegt
dann Astwippen
zwei Tauben fliegen weg
Ruhe im Bild
bis von rechts ein Wolkenball
weiss dann grau
den Schluss macht
Applaus
37
Uns zum Trost
Der Himmel ist
voll
Wolkenblütenbäume
jetzt im September
wo sich liebe Menschen
reihenweise
verabschieden
ins unbekannte Jenseits
sie sind es wohl
die diese Bäume wachsen lassen
uns zum Trost
36
Bühne
Leere Bühne
der Held die Heldin abgetreten
die Luft vibriert nicht mehr
von grossen Gesten keine Spur
kurzes Spiel
langes Spiel
Erinnerungen sind Kulissen
bald weggeschoben und ersetzt
die Bühne bleibt
sie ist nur Bühne
kennt seit je
Auftritt und Abgang
35
Versprochen
Heute
mittags
unerwartet
blicken mich
fünfhundert
Gedichtbücher
vorwurfsvoll an
ich schäme mich
greife zu Kummers ‘bigoscht’
und verspreche
wieder häufiger Gedichte zu lesen
34
Ganz allein ohne niemand
Pino spaziert am Gärtchen vorbei, hat mich bemerkt hinterm Gebüsch und schildert mich seinem Vater als ganz allein ohne niemand.
Echt bedauernd
das rührte mich
und erheiterte mich
durch die fehlende Logik
und brachte mich ins Grübeln
ist fehlende Korrektheit
manchmal treffender
Fehlerhaftes
überzeugender
ist Geschliffenheit am Schluss
nur Bluff
ein Lob dem Unvollkommenen
Applaus dem Fragment
33
Morgenlieder
In der Nacht hat es geregnet
ein klarer Morgen leuchtet
aufzieht nochmals
ein grosser Sommertag
wie so viele dieses Jahr
mir fallen Morgenlieder ein
kitschig sentimentale
prallvoll von Lob und Dank
nun sehe ich am Himmel
zartes Gelb mildes Rosa
und da und dort schon
Kornblumenblau
und ich muss gestehen
meine Gefühle sind nun
genau so wie in den Liedern
dankbar und gerührt
32
Harscher Wind
Wind
zwirbelt lange Ruten der Büsche
hinter meinem Gartentisch
rotgelbe Trichterblüten fallen
schüttelt jenseits des Feldes
Kastanie Esche Akazie Föhre Ahorn
In gewaltigen grünen Wellen
schiebt graue Schleier
vor die Berge
zu Blitz und Donner
blättert unversehens
schneller Leser
meinen Tucholsky von vorn nach hinten
31
Alles wie gewohnt
Gewohnt
der Jahreszeiten
mit wechselnden Farben
meine ich zu wissen
was jetzt ansteht
schweres Gelb
abgeernteter Getreidefelder
Allerweltsgrün
gemähter Wiesen
schwarze Plastikbahnen
in den Gemüsekulturen
schmutziges Braungrau
ausgetrockneter Feldränder
alles wie gewohnt
wenn nur die Häufung
tarnfarbiger Uniformen
nicht wäre
30
Ja genau
«Machen
Sie sich
keine Sorgen
küssen Sie
Ihre Frau»
Schluss eines kurzen Gesprächs über Kriege beim Abfallentsorgen
29
Bescheidenes Glück
Eine kleine Hand
hält meinen Zeigefinger fest im Griff
Stütze
für erste wacklige Schritte
der Kleine strahlt
und ich mit ihm
28
Halbzeit
Du atmest ein
du atmest aus
flüchtig sind die Tage
unbeständig
nicht zu halten
zerbrechlich ist die Zeit
in der Randsteinritze die Wegwarte
betörend ihr Blau flüchtig ihr Reiz
ist der halbe Tag herum verblasst er
du atmest ein
du atmest aus
Halbzeit
27
So ist es eben
Die Kletterrosen nehmen Abschied
sie sind freundlich und
lassen zwischen den fahlen vertrockneten
da und dort neue aufblühen
die Hortensien aber putzen sich heraus
zur Begrüssung des Sommermonats Juli
als Rosabüsche unter dunkelblauer Clematis
es gibt nichts zu bedauern
26
Hitze ist angesagt
Der Tag beginnt hell und freundlich
eine kleine Morgenbrise
lädt zu frühem Spaziergang
leicht lasse ich so zurück
was lästig sein könnte
das genügt schon
taufeucht ist die Wiese
auf jedem Gras ein Tropfen
purer Diamant
unerwartete
zierliche
Morgengabe
25
Was steht nun an
Helfen sie weiter
Meise und Amsel
das Taubenschwänzchen
Rosen Rosen Rosen
Türkenbund
Nachtkerze
Anna gestern geboren
Max mit den ersten Schritten
die Vierjährige die mir die Welt erklärt
der Knirps der schon Rad fährt
24
Einfaches Leben
Wäsche gewaschen
im Wind getrocknet
gebügelt
versorgt
zufrieden
auch der Sonne zugenickt
Pfingstlicher Nachtrag aus dem mittelalterlichen Text
Veni, Sancte Spiritus – Komm, Heiliger Geist, eine Art Wunschliste für unsere Zeit…
Ausschnitte aus der Sequenz, zugeschrieben Stephen Langton , Canterbury (um 1150 bis 1228)
Heiliger Geist, komm
sende vom Himmel her dein Licht.
Komm, Vater der Armen,
Komm, Geber der Gaben,
Komm, Licht der Herzen.
Bester Tröster.
In der Mühe bist du Ruhe,
In Erregung Mäßigung,
Im Weinen Trost.
Wasche, was schmutzig,
Bewässere, was trocken,
Heile, was verwundet.
Beuge, was starr ist,
Wärme, was kalt ist,
Lenke, was irregeht.
Volltext und Übersetzungen finden sich bei Wikipedia
23
Was wichtig ist
Zufällig an Paris denkend
dann an lange Monate dort
so lege ich eine CD ein mit Chansons
und gleich als erster Titel
Gilbert Bécaud L’important c’est la rose
vielleicht hat er ja recht
die Rosen und alles was wächst
sind mir in diesen Tagen willkommene Gabe
köstlich und tröstlich
22
Summe des Vergessenen
Bilder tauchen auf und Geschichten
Der Patriarch segnet
der Diktator bekreuzigt sich
keiner schämt sich
Jerusalem ist zerstört
die Amsel singt ihr schönstes Lied
ein Pilger spricht
Herr Jesus Christus erbarme dich meiner
er betet unaufhörlich
Verödet sind die Tore
niemand pilgert zum Fest
ihre Bedränger sind an der Macht
der Patriarch segnet
der Diktator bekreuzigt sich
keiner schämt sich
die Amsel singt
ein brauner Leineneinband
erzählt von der Lektüre eines Schülers
von der ersten Entdeckung der russischen Weite
in Tolstois Volkserzählungen
Wieviel Erde braucht der Mensch
von Kriegen im Kaukasus
von Heiligen und weisen Bauern
da ist wieder die Lust darin zu lesen
mit Staunen über versöhnende Erzählungen
die Amsel singt
der Patriarch segnet
der Diktator bekreuzigt sich
keiner schämt sich
bizarr
wie die Welt russischer Märchen
Bab Jagas Hütte auf Hühnerfüssen
dreht sich und verwirrt wer sich nähert
ein Soldat verprügelt Teufel
schleicht sich in den Himmel
Zarentöchter heiraten Dümmlinge
Recken Drachenbräute
gekämpft verraten geköpft geviertelt
Berge von Leichen
samt wundersamer Auferstehung
der Patriarch segnet
der Diktator bekreuzigt sich
keiner wundert sich
wo bleibt Tolstoi der Lehrer
der Vermittler gar Prediger
wer pilgert doch noch nach Jasnaja Poljana
zum Unterpfand
der gefühlvollen Seele
jenes Russland das wir glaubten
zu erahnen bei Tolstoi und Puschkin
reich fremd anziehend und berauschend
noch singt die Amsel
«… als ob sie damit gleichzeitig alle Plumpheit, Erdgebundenheit und jeden verspotteten, der nicht das unbeschreibliche Glück hatte, ein engelgleich gefiedertes, engelgleich singendes Wesen zu sein, das die Freiheit genoss, sich jederzeit in die Luft erheben oder sich von höchsten Türmen, Bäumen und Klippen in die Tiefe zu stürzen, im Fallen die Schwingen auszubreiten, plötzlich zu schweben und sich vom Aufwind zurücktragen zu lassen in den Himmel.»
Ch. Ransmayr, Atlas, 25
aber der Patriarch segnet
der Diktator
bekreuzigt sich
21
Putzgers Historischer Schulatlas von 1923
Ein Atlas als Summa aller Krieg seit der Antike
Landgewinne Landverluste
volatile Grenzen
Kriegsschauplätze
lassen sich besichtigen oder erwandern
Schlachten nachspielen
Gang durch Horror und Zerstörung
über Jahrhunderte
ich entsinne mich nicht
dass mir damals als Schüler grauste
dass ich irgendein Mitgefühl empfunden hätte für Gefallene für Ermordete
abgebrüht
eher jugendliche Unbeschwertheit
heute setzt mir das zu bis zum Unwohlsein
und
nichts ist vorbei
im Frühjahr 2022 ist plötzlich all das wieder da und nah
und
die Enttäuschung
nichts gelernt
wir ich alle
20
Die grosse Parade
Marschiert Männer
ihr seid noch jung
marschiert und lasst euch führen
Jugend und Kraft
marschieren im Schritt
wie wunderbar ist euer Mut
strahlt und marschiert
was euch befohlen
todsicher ist euer Glück
19
Draussen
Ich sitze am Pult
die Kletterrose schiebt sich vor das Fenster
vom Stuhl aus
kann ich mehr als vierzig Blütenknöpfe zählen
herrliche Tage in Sicht
Amen
18
Reparatur
Jesus reitet auf dem Esel
als Figürchen auf einem rot gebänderten Stab
zu tragen in der Palmprozession
leider mehrmals gestürzt
Ohr weggebrochen Beine geknickt
Brüche da und dort
jetzt habe ich mich ans Flicken gemacht
beim speziellen Esel geht das
aber wie ist es mit den Rissen im Erlöser
lässt sich auch der Sohn Gottes reparieren
damit er seine Rolle als Pantokrator
wieder einmal wahrnehmen könnte
und nicht bloss vom Stab auf dem Esel
auf uns herabblickt
auf uns
die seine Sorge um die Welt
heutzutage so vermissen
17
Blau
Meine Augen sind blau
das heisst die Iris
ist oder scheint blau
für das Sehen ist das belanglos
sie sind Erbe irgendwelcher Vorfahren
ich weiss von Zeiten
wo blau als Echtheitsausweis galt
in meinen Augen
ist noch nie jemand ertrunken
ich jedoch hin und wieder
beinahe
in den Augen schöner Frauen
und endgültig in denen
meiner Liebsten
16
Ostern 2022
Geboren
vor dem grossen Krieg
plötzlich liegen alle Bilder von damals
wieder auf den Tisch
hatten wir ihn denn nicht genug gesäubert
wieder da Furcht und Schmerz Angst und Wut
meine Südbuche grünt direkt am Haus
ich habe gewartet
auf den zarten Duft ihrer jungen Blätter
ich öffne das Fenster
heute ist der Duft wieder da
strömt herein
und rettet
Gedicht und Tag
Ostern
15
Unerwünschter Vorschlag für meinen Geburtstag
Heut sage ich mir persönlich guten Tag
du hast Geburtstag lass dich feiern
wenn niemand anruft klopf dir selber auf die Schulter
und hole den Prosecco aus dem Keller
schau dir im Spiegel in die Augen
dann sage lächelnd Prosit du Alter
und zieh das durch bis du am Abend
dir gute Nacht sagst – schlafe wohl
mein Gott ist diese Variante mies
Freundinnen Freunde
kommt lasst uns miteinander feiern
ob vor der Türe ein andrer wartet
wir wissen’s nicht
14
Heute schreibe ich
Heute schreibe ich
über den milden Frühlingsregen
über den Duft der aufsteigt aus der ausgetrockneten Erde
über Buschwindröschen Lerchensporn Schlüsselblumen
über heiteres Dösen in warmer Sonne
ich sehe Osterglocken längs der Strasse
freue mich wie die Korkenzieherweide austreibt
und über die flinken Meisen im Geäst
die Zeitung lege ich schnell beiseite
Nachrichten mag ich nicht hören
es ist Schnee angesagt
wir werden’s überstehen
das sagt sich leicht
13
Davonkommen
Wer noch nie davongekommen ist
gehört zu den Ungefährdeten
die bis dahin Glück hatten
nie haben davonkommen zu müssen
und
weiss nicht wie es in denen aussieht
die davonzukommen hoffen
kennt nicht deren Ängste
Hektik Verzweiflung
und
nicht die bedrängende Scham
gegenüber jenen
die nicht davongekommen sind
aber
wir sind Aussenstehende
und wünschen uns
dass unser Mitgefühl echt sei
und unsere Hilfe helfe
12
Vierzehn Tage Krieg
Wieder Schneeglöcklein
viele
im schmalen Gärtchen vor dem Haus
in der Nacht der erste Regen seit Wochen
lautlos knallen Knospen
Frühling
Tulpen treiben aus
noch fehlt die Blüte
ich warte
gib mir deine Hand
11
Aber er hat die Bombe
und ich kein rechtes Gedicht
Liebt Musik sponsert Festivals
fischt schwimmt zeigt seine Männerbrust
kleiner Mann gerne gross
ein Held
ein Schwindelkünstler
erfindet die Geschichte neu
ein echter Grenzenschieber
wer Klartext spricht ab in den Gulag
verdammter Lügenfürst
verseucht das Volk mit Fakes
ein miserabler Verleumder
und die Moral
der Künstlerinnenverehrer
bleibt doch Kriegstreiber Mörder
ein krimineller Gernegross
blitzgefährlich
er hat die Bombe
aber ich
kein Gedicht
säged mers e so
wenn t ali Flüech und Schimpfuustrügg binenand häsch
chönsch jo e Gedicht mache
aber wenn t weisch dass tuusegi vo Mensche
wörkli liidet Angscht hend und villecht ales velore hend
und kei Zukunft gsiend för sich und au för d Chind
wel do eine n isch wo met Atombombe spilt
und met üsere n Angscht
denn muesch di scho frooge öb die sechs Stroofe
als Gedicht döregienged
und
wa dLüt demet chöntet aafange
Sagen wir es mal so
Wenn du alle Flüche alle Schimpfwörter zusammen hast
dann könntest du ja ein Gedicht schreiben
aber wenn du weisst, dass Tausende Menschen
wirklich Angst haben und vielleicht alles verloren haben
und keine Zukunft sehen für sich und die Kinder
weil da einer ist der mit Atombomben spielt
und mit unserer Angst
dann musst du dich schon fragen ob diese sechs Strophen
als Gedicht durchgehen
und
was die Menschen damit anfangen könnten
10
Trauer und Wehmut
Trauer und Wehmut
wieder eine Illusion zerstört
Vernunft
verliert
sich augenscheinlich schnell
reihum
Machtegoisten
gnadenlose Totengräber
ich möchte nicht zählen
die toten jungen Männer
die zerstörten Seelen
der Davongekommenen
wüsste lieber nichts
von der Angst von Frauen Kindern
von den Tränen der Alten
gäbe es
einen Engel einen Gott
der dazwischen träte
risse den Verblendeten die Masken weg
gäbe Halt
und
schüfe Hoffnung und Trost
bitte
09
Putin – ein Sonett
Ich ich ich ich ich ich
ich ich ich ich ich ich
ich ich ich ich ich ich
ich ich ich ich ich ich
Ich ich ich ich ich ich
ich ich ich ich ich ich
ich ich ich ich ich ich
ich ich ich ich ich ich
Ich ich ich ich ich ich
ich ich ich ich ich ich
ich ich ich ich ich ich
Ich ich ich ich ich ich
ich ich ich ich ich ich
ich ich ich ich ich ich
08
Stolperwörter wie bodenständig etc. – ein Qodlibet
Bodenständig echt zuverlässig authentische
verwurzelt und heimatverbunden treu gläubig
bhäbig ufrecht graad
dazu schöne Bilder mit Raclette und Edelweiss
Gotthardbahn Matterhorn und Jungfrau
auch ohne Barry
aber etwa mit Geburtstag Stammtischrunde
Familienfoto samt Berg und Strand
zom brüele schöö mega schöö
schon sprudeln neue Bilder und Wörter
Erinnerungen zu Rinnsalen aus Lust Heiterkeit
manchmal von Ärger
en Seich en Schiissdregg en Mescht
voll denäbed und gschemig
und natürlich Fragen
wie ist das mit den Bodenständigen
Echten Zuverlässigen Treuen Gläubigen
fröögle frooge zwiifle gröble
sie wurzeln wachsen
werden geerntet
sie stehen kleben versteinern
wie n en Block en Chlotz uu vechlemmt
oder sind sie
die einfach bleiben beruhigen stützen
vielleicht wissen
von jenem Körnchen Wahrheit
das wir alle gerne besässen
isch nöd ooni chönt jo sii
tue n ene nöd uurecht s isch scho öppis draa
07
Verlegen bei «wie geht’s?»
Es geht
natürlich geht es alles geht
stets geht etwas
nix Stillstand pantarei Binsenwahrheit
es geht vorwärts hinauf oder hinab
was also soll die Frage
es geht gut
ach du Spiessbürger gut
wieso nicht besser
höher schneller stärker
Bewegung ist alles
Sosolala-Realist
humpelnd aber immerhin es geht
geht mühsam schlecht
dann doch
jeder Schritt fast Glück
liebe Freunde
beladet gehen und Gehen
mit Schmerz Langeweile
aber auch
mit Lächeln und Lachen
es geht nie nicht
06
Zwei Morgen Variationen
1
Wenn i am Morge uufstand
tschägg i zerscht mini Chnoche
zwickts Gnick scherbelet de Nacke
bi de Chnüü lueg i gär nüme
als Nöchschts frog i mi meischtens
und de Welt wie goots däre
lueg id Zitig oder id Chischte
und scho weiss is
immer no seklet Uugimpfti
mit Chueglogge omenand
schwadroniered vom Fryysii
phaupted mer seged onderjocht
jä Gopferteckel
wöred die denn lieber läbe
z China z Burma z Russland
oder sös näbe wo d
oms Himmelswille nie
nie seisch wa d tenksch
die miise Sieche
di machtgeile Schtaatschefs
do und dei die mein i
söttmer of de Moo schüüsse
Geschiiders fallt mer au nöd ii
denn tringg i en Kafi
und tue
wie wemmers gliich wäär
2
Wenn ich ein Vöglein wär
flög in die Welt hinaus
wollt nochmals Schönes sehn
und mich dran freun
Burmas goldene Pagoden
die Rosa Delphine im Amazonas
die Schluchten und Tempel China
den Sternenhimmel in der Sahara
Sarajevo Gizeh Samarkand
Petersburg Rila Brezewo Meknes
Kairouan Dublin Zefat Jukkasjärvi
Terceira Song Kul Xian
flög ich
dort wirklich hin wo jetzt gilt
schweig sag immer ja
duck dich kriech denke nicht
Macht ist allzeit
zu allem bereit
wenn ich ein Vöglein wär
Vögel weinen nicht
ich flöge dorthin nur mehr
wo alles frei
05
Langweiler
Eigentlich mag ich Zeitgenossen
die etwas flattrig durch die Tage gehen
die Langweiler die meine Briefe nicht beantworten
beantworten vielleicht überhaupt keine Briefe
vielleicht langweilen sie meine Briefe
vielleicht sind sie einfach vergesslich
unorganisiert chaotisch und überfordert
ich mag sie trotzdem und schreibe
solange ich etwas zu erzählen habe
aber irgendwann ist Schluss
ihr Langweiler
04
Wieder
Wieder
Jährchen auf Jahr
oder andersrum
je nach Gewicht
was wiegt ein Jahr
was macht es schwer
was macht es leicht
des letzten Jahres Gesicht
wie sah es dich an
wie war sein Duft
zärtliche Brise
Gestank
Blütenzauber
wo sind die Spuren
der vergangenen Tage
wo sind deine
wo sind meine
wie lange war das Jahr
für uns
und
welcher Farbe war es
mein liebes Herz
hell ist es noch
du bist noch da
ich bin noch da
komm
lass uns vorwärts blicken
und gehn
03
WhatsApp um 15 Uhr
Jetzt
hier ist es Winter
wir sitzen im Auto
fahren von der Stadt ins Dorf
kaufen beim Metzger Kalbragout
wir wollen morgen Geburtstag feiern
es klingelt
die Freunde in Brasilien
kochen Mango-Konfitüre
sie schwitzen
unsere Sonne steht tief
wirft lange Schatten
in den Geschäften läuft nichts
Januarloch oder Angst vor Corona
Leere statt Erlösung
keine Epiphanie
keine Myrrhe kein Gold kein Weihrauch
der Antwort über den Ozean
fehlt
der Duft von Dreikönig
02
Hinter meinem Rücken
Der Bildschirm
spiegelt
die Buche im Nachbargarten
den Riesenbaum
vor einem Winterhimmel
weissblau
nacktes Skelett
gegliedert
offen
bis zum letzten Ästchen
kräftiger
Scherenschnitt
und
filigrane
Ritzzeichnung
mitten drin
blass gespiegelt
auch
mein Gesicht
01
2022
Nicht Grosses
nicht Kleines
nicht zu bescheiden
nicht zu ernst
ein Augenzwinkern
und bitte
ein Lächeln
Das war 2021
52
Gedankenspiel
Das Blaue
vom Himmel holen
das Firmament plündern
Sterne in die Stube
es gibt genug davon
auch für euch
liebe Freundinnen und Freunde
wenigstens so tun
in kindlicher Unverfrorenheit
als könnten wir
das Unvermeidliche überlisten
ein Gedankenspiel
das eine kurzlebige
aber luftige Heiterkeit
in den Alltag wirft
51
Festtag
Manchmal fallen mir
Festtagstexte schwer
heute sind sie leicht
fast luftig lustig
eine Spielerei
ein Hupf zu meiner Liebsten
und herzlich gedrückt
in meinen Armen
50
Offene Partie
Ja nu zu reden gäbs die Menge
aber das Wort
das genau trifft
liebe Damen und Herren
das muss einem zufallen
einmal ist es
sei mutig
ein andermal
gehs langsam an
oder
rück doch näher
zuweilen
komm
lass dir Gesundheit wünschen
Prosit zum Wohl
49
Herbstabschluss 2021
Schiefergrau Leinen
Mais Gold Dunkles Orange Gelb
Peru Sattelbraun Schokolade Siena Ocker
Braun Kastanien Sandbraun Gelbbraun Grobes Braun
Blassgrün Seegrün Olivgrün Weizen
Rot Ziegelfarbe Koralle Dunkelrot
Teppiche
wo du gehst
48
In diesen Tage
Was in diesen Tagen
alles geredet gepredigt
schwadroniert wird
erschöpft
beschleicht mich
ein Albtraum
ist die Erde
nicht doch
nur eine Scheibe
ich muss unbedingt
das Lob der Torheit
des Erasmus
nochmals lesen
«Mir, ja mir ganz allein und meiner Kraft
haben es Götter und Menschen zu danken,
wenn sie heiter und frohgemut sind.» sagt die Torheit (geschrieben 1509)
47
Aus dem Leben gegriffen – der Referent
Alles geziert
der Blick auf die Sackuhr
die Kunstpause vor dem ersten Satz
Wörter wie Nippes
und Blicke auf die eignen Federn
selbstverliebt
Gockel mit Stil
46
Blink blink
Lichterketten
in den dunkeln Abenden
überall
schnipseln
Lichtsalven
wildes chaotisches
Aufbegehren
blinkblinzelndes
Heimweh
nach
Taghelle
Spielwiese
Sternlein trödeln
Farben hüpfen
um
gefühlsselige
Alltagsflüchter
45
Hintergrund
Mit der Rückkehr
kommt der Frost
besser
nach der Rückkehr
kam der Frost
verflixte Verknüpfung
setz dich
denk nicht du kenntest
die geheime Welt
der Ursachen
gestern war Regen
heute ist Sonne
klar
aber weshalb
habe ich geweint
über drei Töne
in Beethovens Sonate
Sonate für Klavier 111
44
November
1
Was lebt
ist vergänglich
verändert sich stirbt ab löscht aus verschwindet.
bleibt
eine Erinnerung ein Satz,
eine materielle Spur vielleicht
oder nichts.
ich bin 82 Jahre alt
meine Tage
voll heiteren Momenten
mit kleinen Ärgern mit Versäumnissen
banal und leicht
vergänglich
wie der Rausch
dieses goldenen Berliner Herbstes
2
Aber dann
Adam wo bist du *
Antisemitismus und Ausgrenzung
Installation mit Videos Betroffener
getroffen
stehst du
zwei Stunden
hörst und schaust
jeder
Mensch
ist
ein
Mensch
du hast kalte Füsse
und merkst
genau so muss es sein
*Ilana Lewitan (www.ilana-lewitan.de)
(Berlin 2021/5)
43
Augen lauter Augen nur Augen
Wieviel teilen
Hände mit nackte Füsse
Gesichter ja doch
aber Augen nur Augen
Tuareg
kennen sich über die Augen
die U Bahn als Schulzimmer
Covid als Lehrerin
wird uns das auch beibringen
und
die Kinder ohne Maske
Anna mit strahlenden Augen
(Berlin 2021/4)
42
Ostsee
Wellen
haben Sandkörner
geschoben
zu einem feinen Kamm
Rückgrat
verborgenen Wesens
sanfte
Grenze
Saum
des Unbekannten
(Berlin 2021/3)
41
Zwei Friedhöfe
1
Als stünde die Zeit
als wäre hier der Ort
den wir immer gesucht
ohne Tagesgeschäfte
ohne Hektik
neben einander
die Grimm Brüder
sie haben uns hinterlassen
Märchen und
die Gesamtheit deutscher Wörter
Feministin Sänger Pädagoge Frauenrechtlerin Arzt
Kindergräber mit Windrädchen
lange Leben kurze Leben
2
Hinter Resten der DDR Grenzmauer
der Invaliden Friedhof
Grabmale des Militäradels der letzten 300 Jahre
Monumente
Adler Löwe Engel Kürass Degen Helm in Stein und Eisenguss
und
Wörter
Heldentod fürs Vaterland für Deutschlands Grösse Deutschlands Heer und Heiligtum Ehre Bewunderung Held redlichster Diener Menschenfreund treu bis in den Tod vor Warschau
Generäle aller Grade
hochgeehrt
Schlieffen Moltke fast alle
Erwin von Witzleben im Widerstand gegen Nationalsozialismus
Zum Gedenken an die Widerstandskämpfer des 20. Juli 1944
Geschichte von Krieg Mord Tod Terror im sanften Herbstlicht
die Bäume mit erstem Gold in den Kronen
gestern besucht
(Berlin 2021/2 // Matthäi/Invaliden)
40
Wer weiss
Kleine Aphroditen
präsentieren
selbstbewusst
ihren Bauchnabel
ihr Beweggrund
entgeht mir
einleuchtend schiene mir
sich so abzugrenzen
von den Aliens unter uns
wobei allerdings
zu vermuten ist
diese könnten trickig auch
einen Bauchnabel bluffen
wer weiss
(Berlin 2021/1)
39
Unerwartet
Unheimlich
schnell
heute rot morgen tot
wir wussten es schon immer
abgelagert irgendwo
wie schön wäre
ein Pochen an der Tür
wir öffnen und
da steht er
Freund
so nannten ihn die Alten
nennt ihn ihr Lied
es fallen Schmerz und Not
singend
aus der Welt
Sollst sanft in meinen Armen schlafen
für Doris S. +20.9.21
38
Klassenzusammenkunft
Alte
Kolleginnen und Kollegen
getroffen
wirklich alte
und alte
weniger wirklich alte
als würde irgendetwas
die einen einspinnen
andere nur ankratzen
ungewiss
ob alt
nur Last
und
heitere Tage
Zufall
37
Sehr herbstlich
Wie richtiger Sommer
gebärdet sich der Tag
als wäre gut machen
was seit Wochen versäumt
unsereiner muss sich aufwärmen
hinter dem Zaun hockt
vielleicht schon Herbstnebel
mit kalten Händen
schnell noch besuchen
die uns lieb
rundum ist Abschied
der Zeiger rückt und rückt
36
Kleine Lektion in Bürokratie
Belege zusammensuchen
Nachweise ausstellen
Verbindungen erfinden
gerne hörte ich
lass das
aber ich höre es nicht
also weiterwühlen
und fantasieren und erfinden
sie wollen das so
genauso musst du es machen
wie locker wäre ich nach
lass es bleiben
35
Anspruchsvoller Abend
Wo sind die Mauersegler
ich vermisse sie
gestern
existierten sie nicht
woran ich nicht denke
existiert nicht
ich habe vor
noch Vieles zu erschaffen
ich muss viel denken
für meine Welt
immer weiter
täglich Neues
34
Zeichen
Du erwachst
keinerlei Geräusche
Morgenruhe
ein heller Tag
kleine Nebelschlieren
die Hortensien
unglaublich rosa
auf dem Teppich
ein Gammafalter
tot
noch ist es möglich
zu bedauern
auf dem Tisch
die Zeitung von gestern
33
‚Lehre das Kind, über die Bäume nachzudenken‘
Giorgos. Seferis
Am Morgen
geht er
in sich
sucht
findet nichts von Gewicht
fragt sich
wie sähe er aus
der bessere Lebensentwurf
erwägt dies und das
seufzt schliesslich
vielleicht sollte ich
über Bäume nachdenken
32
Vorläufig
Fehlerfrei umfassend
so haben wir es gelernt und gelehrt
aber eben
da ist die Lektorin scharfen Auges
sieht jede Ungenauigkeit
beinahe eine göttliche Sache
drum
bescheidener Rückzug zu weniger Fehlern
unvollkommen sind wir
unvollständig was wir tun
zerbrechlich ungenau
vorläufig
vergänglich
schon immer banalste Tatsache eines Lebens
und schliesslich am eigenen Leib zu erfahren
31
Wieder Nationalfeiertag
Brave Treichelnschüttler
im Edelweisshemd
sagen
draußen
ist die Welt
die sie nicht wollen
als gäbe es überhaupt
draussen
und
wäre nicht andernorts
Edelweiss eine häufigere Blume
30
‘Glaub mir, der liebe Gott hat damit nichts zu tun.’ Olivia Ruiz
Diese schrecklichen Tage
als platzte der himmlische Ozean
und stürzte das Sonnenboot
zertrümmert in unsere Täler
rasten die Reiter Tod und Verderben
du kennst die Bilder
legst sie über das was du im TV siehst
weisst Zerstörung als ständige Begleiterin
von uns Menschen
wie Tod und Freude
29
Am 15. Juli 2021
Regnen und Nieseln
langweilen
du wohnst ja nicht am Wasser
Lachen im Kies sind keine Bedrohung
positiv bleiben
rät man wohlmeinend
soll ich positiv
denken hören fühlen schauen
mein Auge bleibt hängen
am rosa leuchtenden Netz
filigraner Stängel des Ruprechtskrauts
wie zierlich hebt es sich ab
vom Grün der Blätter
wenn ich dann hinüberblicke
zur Trauerweide
turnen da junge Spatzen
eine fröhliche tschilpende Schar
und siehe da
unversehens
ein sehr
positives Gefühl
TV Nachrichten vom 16. Juli – ein Nachtrag
Bilder zerstörter Häuser
ratlose verzweifelte Menschen
wann werden diese
positiv
als Wort wieder ertragen
28
Über uns Alte
Es regnet
es ist zu kühl für Juli
Laster mit Aushub
stören seit Tagen
Schmerzen walzen
den Freund nieder
er wird und will sterben
weit und breit keine Ruhe
dabei wollte ich schreiben
über
abgeklärtes Zurücklehnen
grenzenlose Güte
Wissensfülle
27
Ausgerechnet heute
Ausgerechnet heute
geht mir die Frage
nicht aus dem Kopf
warum ich nicht
warum du
möchte die Antwort finden
und weiss es gibt sie nicht
alle letzten Fragen
erhalten
keine Antwort
aber jemand sagt
frag nicht
ich liebe dich
26
Unnützes Dilemma bei 31 Grad
Zierlich elegant
kraftstrotzend glänzend
in der Fichte gegenüber
Elster und Rotschwanz
ist da zu erzählen
wie husch ist das Kleine
verschwindet
das Andere sich breit umtut
oder von der Gewalt der Starken
Rabenvögel fressen
ohne Skrupel
Eier und Junggeschlüpftes
aber vielleicht
ist das
gar nicht der Rede wert
Skrupel haben nur Menschen
die sich dann doch wieder
an schillernden Federn
der Elster erfreuen
25
Notiz am 16. Juni 10 Uhr
Schau gerade aus
da wird liegen
was kommt
alles
vor dir
Augen auf
bewege dich
die Parkzeit ist abgelaufen
24
Die herrliche Gleichgültigkeit der Natur Alphonse Karr
Endlich duften Rosen
endlich ein strahlender Wandertag
darauf haben wir gewartet
extra für uns
tausend Knabenkräuter
Klappertopf und Kerbel
als wäre diese Welt
unser Garten und wir darin
spazierende Götter
unsere Freude ist echt
die Lebenslust ehrlich
wohl wissend
um uns
kümmert sich die Natur nicht
ihr sind wir egal
trotzig und
echt gerade deshalb
unsere Bewunderung für
ihre herrliche Gleichgültigkeit
23
Unter der Buche
Heute fällt mir
das Zurücklehnen schwer
unter meiner Buche
sonst Ort freien Atmens
ich denke an zwei Freunde
sie warten auf das Sterben
lägen sie hier
Im Blick den Blätterhimmel
Lichtspiel
im sanften Grün des Frühlings
immer noch
verlören
sich
vielleicht
leise und heiter
im oszillierenden Wechsel
von Grün und gleissenden Lichtsplittern
22
Statt Weltschmerz
Hörst du
oben auf der Weide
singt ein Amselmännchen
Zwiebel Knoblauch
Olivenöl Wein
Gemüsebrühe
Karotten Petersilie
Zucchini Peperoni
Stangensellerie
zwei Büchsen Pelati
Pfeffer Rosmarin
Oregano Liebstöckel
Salsicce
drei Stunden
Geduld
zugedeckt
bei mässiger Temperatur
21
Genau so
Es regnet
schwer hängen die Zweige
keine Vögel
ein trister Tag
da ist plötzlich wieder
was ich vor Jahren memorierte
Il pleut. J’entends le bruit égal des eaux ;
Le feuillage, humble et que nul vent ne berce,
Se penche et brille en pleurant sous l’averse ;
Le deuil de l’air afflige les oiseaux. Sully Prudhomme
genau so
ist es heute
20
Der freundliche Seufzer des Prof. Johannes
Wie die ausschreitet
wie der gut aussieht
forsch flott keck alle
lebendig schön anzusehen
gerne sehe ich diese Menschen
ich bin nicht neidisch
bedauere nicht mein Alter
was ich in ihnen sehe
was mich froh macht
ist das Leben an sich
noch klingt mir im Ohr
sechzig Jahre sind es her
der Seufzer des Professors
Tolle Kerle…
er war über fünfzig und wir jung
19
Nicht das Mass aller Dinge
Sieh wie die Baumpfleger
in der jahrhundertalten Rotbuche
turnen balancieren stutzen
und die Nester nervender Nachbarn
wegkippen
aus mit Krächzen und Spektakeln
endlich wieder ungestört ausschlafen
ruhig dösen am Mittag
und ohne Geschrei in die Nacht
nun aber
habe ich mich belehren lassen
von einer bayrischen Prinzessin
es seien diese Radauvögel
beispielhaft gescheit
und kleine Videos zeigen
wie sie Werkzeuge erfinden und benutzen
Alpendohlen waren mir vertraut
die drolligen verspielten freundlichen
ihr Raben verzeiht
dass ich nicht wenigstens
ein bisschen mitgelitten habe
bei eurer Vertreibung
gestehe auch leicht beschämt
wieder einmal
ich
bin nicht das Mass aller Dinge
18
Jetzt
Allerhand Pflanzen spriessen zu sehen
im Frühling
mit weltverliebtem Herzklopfen
Alter sieh
wieder und wieder
Frühling
sieh es ohne Wehmut
es blüht die erste Akalei
jetzt ist
lass Übermorgen fahren
17
Steh
Steh gerade
steh aufrecht
aber nicht stramm
schau
zaudre nicht
lass dein Auge wandern
sanft gleite
dein Blick
über das was vor dir liegt
du wirst dich nicht verlieren
du stehst ja
die Erde dreht sich
wie eh
heimkehren
zu den Müttern und Vätern
wird dir leichter fallen
16
Notfall
Verstanden nein
manchmal verstehe ich nicht
was mein Freund meint
er spricht gerne in Anspielungen
ich mache dann gute Miene
und schwadroniere
ungefähr seine Worte
wiederholend
und mache mich
rasch aus dem Staub
bedauernd
ihn und oder mich
15
Wege zur Philosophie
Petersilie mit der Schere
kleinschnipseln
überrascht schaut das Kind
das macht Mama
mit dem Messer
aber mit der Schere
klappts auch
von da an
misstraut das Kind allem
was man halt so tut
und lange später
ist da eine Lust geblieben
alles in Frage zu stellen
14
Nochmals Frühling
Vollmond
Osterglocken Leberblümchen
Erinnerung an
Zeiten
die ganz anders waren
vielleicht etwas Heimweh
nach alten Ritualen
wieviel Zeit bleibt noch
ist mir egal
Wörter keimen noch
– keimen passt weil’s langsam geht –
gruppieren sie sich
zu einem schönen Satz
freut es mich
ha Alter
du schaffst es noch
13
Ostergefühle
Vielleicht sind
die rosa Abendwolken
die Ursache
plötzlich
dringlich der Gedanke
von einer endlich friedvollen Welt
auf dem Rad
auf dem Heimweg
mitten auf der Strasse
zu unbeholfen
geträumt
schnell gekappt
aber irgendwo
sitzt fest
da musst du hin
und die Abendwolken
scheinen zu sagen
so ist es
12
Hahn oder Huhn ist einerlei

Was bildet ihr euch ein
die Übersicht habe ich
ich
habe schon
den tappigen Petrus
erwischt den Feigling
die himmlische Taube
die alte Freundin der Venus
hat ihn nachher aufdatiert
zu päpstlicher Grösse
Schau mir ins Auge
Weiwei sieht das richtig
Kikerikigegockel ist ok
aber das Wichtige ist
der klare Blick
Hahn oder Huhn ist einerlei
11
Rettet die Welt
Begrünt
Fassaden
schafft ein gesundes Klima
für die Stadt
Vertikalgärten
für
aufrechte
Bürgerinnen und Bürger
lasst Pflanzen für uns arbeiten
10
Ende
Mein Verleger
gibt auf
die Geldgeber entlaufen
Mitarbeiter getürmt
Freunde
haben sich neu orientiert
die Setzkästen
verwaist
niemand greift hinein
reiht Wortzeilen
nur noch Blei
nur noch Last
es wachsen
keine Wörter mehr zu Büchern
09
Ratschlag
Du knickst ein mein Lieber
streck dich
der krumme Rücken
passt nicht unter deinen Kopf
08
Abschied
Weg
stumm seit heute früh
abgehauen
vor Sonnenaufgang
taub für Abschiedsworte
ins Leere gerufen
an die Wolken
geklopft
Regen
gewaschen
Träume von Meer Weite
nie endendem Leben
in Monumenten
fixiert
reihenweise
wir haben den Freund begraben
07
Versteinerungen
Der Praktiker tut Nützliches
flickt Fahrräder
denkt vielleicht an Ressourcen
schraubt ölt
Öl aus Lebewesen
abgesunken in Urmeeren
wie lange dauert das
Flucht und Ertrinken
sind alltäglich
isst ein Käsesandwich
kennt das Wort Gerechtigkeit
trinkt sein Bier
möchte seinen Frieden haben
er ist Zuschauer
sieht Wachsen Blühen
kennt Fossilien
Natur heute
gestern
Erdbeben in Japan
Naturgewalten
lösen Probleme
ohne ihn
06
Altersheim
Lieber alter Freund
trostlos sind die Tage geworden
langweilig sagst du
ich kann dich verstehen
dir fehlen Gespräche
fordernde
weggeschlossen
unter sprachlosen Menschen
gestern hast du gesagt
ich bin auf dem Heimweg
heute bist du verstummt
für immer
der abendliche Anruf
deine liebe Stimme
dein schlaft gut
fehlt uns schmerzlich
5
Eingesperrt grübelnd
Sinniere so vor mich hin
drehe das eine oder andre
wie wäre es
wenn ich vor Jahren …
jene Jugendliebe ach
Schauspieler Träume
Politiker in Vaters Stapfen
Redner
Bettelmönch
Buchbinder Gärtner oder Imker
erstklassige ausgefallene Entwürfe
jetzt bin ich alt
sitze zuhause und phantasiere
denke an meine Enkel an meine Liebste
und sage mir
du kannst zufrieden sein
was und wie’s geworden ist
Adieu allerseits
04
Lehrer Schöbi lässt Schuhe zeichnen
Schicke neue Schuhe
vor mir
ein Dutzend etwa
geträumt letzte Nacht
was ich jetzt trage
hat
schräg abgelaufene Absätze
Schuhe mit Vergangenheit
schon hocke ich wieder
in der alten Schulbank
Aug in Aug mit dem Schuh
zeichne
kritzele spitze radiere
Woche für Woche
Fersenrundung
Risthöhle
Schnürungseleganz
die Hand heiss
das Blatt verschwitzt
zu hängen neben
van Goghs Schuhen
aussichtslos
mein italienischer Schuster
ein Flickkünstler
wird neue Absätze kleben
für meine Zukunft mit oder ohne Kunst
03
Am Geburtstag zu sprechen
Was an einem altert
ist Haut und Knochen
sorgen dass der
Geist nicht bloss altert
sondern vielleicht
klüger wird vorsichtiger
manche nennen das
weise
ich hüte mich mir
diese Eigenschaft zuzuordnen
bis zum Tod
hoffe ich gelernt zu haben
etwas Bescheidenheit
und
nie zu vergessen
die Dankbarkeit für dich
und
sorgfältig
zu hüten die Liebe
zu dir
02
G. K. auf dem Kilimandscharo
Wie er
zurücklehnte
die Brust weitete
seufzte und darauf

sagte
Kili-man-dscha-ro
ich Keller-mand…
dann zum Glas griff
weiter vor sich hin brütete
Kiso hoch im Eis
Prosit
01
Was meine Liebste so sagt
Sie sagt
mach dir keine Sorge
bis zum Lädeli schaffe ich es leicht
es wird aufwärts gehen
hie und da hinab
es ist nicht die Zeit der geraden Strecken
denk nicht wir sind schon Greise
wir werden das packen gewiss
unterkriegen nein sagt sie
mein Stern ist der mutige Steinbock
Das war 2020
53
Tatsächlich 53 Wochen
Der Kalendermacher
hat das verordnet
Eremiten alle
wir sagen ok
Einsiedlerkrebse
in fremden Gehäusen
Kamele saufen für
Wochen
wir sind gerüstet
im Schädel
Gedanken im Rundlauf
vorbei an Haltestellen
ohne Horizont
auf Stuhl und Buch
52 mal Staub
Traum und Jahr
52
Inventar
wieviele Stunden gelacht
wieviele Stunden geredet
wieviele Stunden gezankt
wieviele Stunden geschwiegen
wieviele Stunden im Schlaf
wie lange Stunden gewandert
wie oft gemeinsam gekocht
wie oft und immer wieder
bloss
Hand in Hand
51
Es weihnachtet
Seit Wochen
blinkt glanzglitzernd
Weihnacht im Supermarkt
jetzt im Dezember heisst es
hol doch die Silvestersachen und
vergiss nicht Karneval kommt bald
dieses Tempo liegt mir nicht
ich mag es ruhig
ich rieche gerne Tannenduft
Weihrauch und Kerzen
bin halt alt altmodisch ja
ich sitze zufrieden
blättere und lese und
knabbere lustvoll dazu
Weihnachtsplätzchen
genauso wie einst mein Vater
ich pflege meinen eignen Kitsch
er glänzt und blitzt
derselbe ist’s seit Jahren
Neujahr kann warten
50
Sätze entfallen
Wer sind wir denn
auf unserem Ausguck
mit Rund- und Weitsicht
Seher Propheten
steht jemand
stehen viele
da ist Welt
sag ich ok du bist du
sag ich nichts
sag ich was geht mich das an
sag ich will ich denn alle lieben
sag ich es wird schon werden
Rundsicht ohne Antwort
entfallen
die klugen hilfreichen Sätze
49
Vollmond
Ein Mond pockennarbig
schielt auf uns dreht ab
verschwindet und kehrt wieder
Vollmonds Nachtmahr
verstört zu wirren Bildern
legt Nerven frei enthemmt
und lässt nicht schlafen
wie kommt es
dass er hingegen mich stets
freundlich grüsst mit liebem Licht
mich gar in Frieden träumen lässt
ich will’s ihm danken
und zeichne ihn
als makelloses Rund
48
Kleiner virologischer Weltuntergang
Es lockt wieder mancherorts
die Sehnsucht nach gestern wächst
meine Liebe
was ist da zu sagen
es hat uns bestohlen
wie kann ich so
morgen in den neuen Tag
hineinbummeln
47
November 2020
Ein müder November
verwirrt
mit strahlender Sonne
träge
Tage
Marienseide
im Haar
stummer Gruss
warte bis
alles im Senkel
bald
nie
wieder
46
Kontinent im Herbstblau
Aus gezacktem Halbrund
grünem Waldland
Bergwälder
anschwellende Adern
gelber Strom
gegen Süden
sage ich
fünf Nebenflüsse östlich
zwölf Seitenarme
fünf Nebenflüsse westlich
zwölf Seitenarme
hinab
in goldene Senken
endet als einsamer Strom
im Stiel
des Blatts
auf meiner Hand
der Sommerlinde
heute im Herbst
45
Blätterfall am 27. Oktober 2020
Gruss an Rilke
und die Vergänglichkeit
ich mache mich
auf
die Wege des Fallens
in Turbulenzen
Schweben
Taumeln Segeln
ruhe
im Dazwischen
Auf- und Abwind
Säusellüftchen
lassen tanzen
Böen wirbeln
hinauf haushoch
Torkeln
hinab hinab
zum sanften Aufsetzen
ich
wäre ich nasses Blatt
klatschte auf
schwere Blätter
klatschen auf
nach
schnellem Sturz
44
Ausgetrunken
Eben noch voll
ächzt
die PET-Flasche
mit bösartigem
Knirschen Knacken
knallt unvermittelt
du erschrickst
vom Schuss
aus der Leere
43
Im Regen
Im Regen
sind Blätter gefallen
viele nicht alle
apart verteilt wo ich gehe
eine Art nobler Teppich
keine Blätterhaufen
nicht die Raschelwälme
für Kinderfüsse
heute Morgen
passte dazu
ein kleiner Schuss
Herbstmelancholie
böte die Welt
nicht schon wieder
Bilder wie wir sie
von früher kennen
mir bleiben
Wut
und die kleine
Freude am Herbstlaub
42
Ohne
Ich möchte einen Text schreiben
ohne Pointe
eine kleine Wörterwanderung nur
hoffend
auf heitere Ausblicke
obenauf
spekulierend auf Einsicht
vielleicht
auf Wörter worauf
sich bequem sitzen lässt
wenn nicht gar schlafdösen
aber nichts Stachliges
keine nervösen Zickzackwörter
41
Belangsloses
Rheumatismen
rote Augen Jucken
abgeschmettert
Anfragen
zuklappen
die Tage werden kürzer
fünf Bücher noch nicht gelesen
soll ich das einfallende Dunkel
schon Nacht nennen
andernorts
schiessen sie
wieder
40
Kranker Freund
Umgeben von Malfaisants
korrupten machtgeilen Regierenden
umzirkelt von Jemanden mit
weissen Sneakers coiffierten Bärten
kommt einen die Lust an zu Spässchen
farbige Socken sind kein politisches Statement
weckt keinen Hund auf
stürzt keine Regierung
hilft keinem Flüchtling
ist bloss dumm hilflos
ich besuche jetzt
meinen kranken Freund
39
Sprich
Verlangsamt
die fliessende Leichtigkeit
der Sätze
von Frühling und Sommer
Wörter
im Netz
von schon Gesagtem
öde und blass
sag nein
sprich die Wärme
der Herbstfarben
38
Noch da
Vom Sprungturm springen
Kinder
mutig verspielt furchtlos
so schön ist das Leben
wie lange ist das her
etwas Heiterkeit von damals
ist noch da
auch wenn ich nicht mehr springe
37
Vorbei
Vorbei Sommer
vorbei Jahre
vorbei
freundlich ist sie
wehr dich nicht
hock dich aufs Pendel
lass dich wiegen
schaukle
irgendwann enden
Schmerz und Glück
vergiss vorbei
schaukle
36
Trumps Wählerpotenzial
QAnon u.ä./ Trump: «Ich weiss nicht viel über die Bewegung, abgesehen davon, dass sie mich sehr mögen. Wie ich höre, lieben diese Leuteunser Land.»
Es giesst als leerte sich über uns
ein Pool der Überirdischen
es mögen des Satans Kumpane sein
die dort tollen
er ist wieder in Mode
lenke
geheime Klubs
gierend nach Weltbeherrschung
das ganze Arsenal alter ekliger Theorien
wird flott kolportiert fromm geglaubt
nicht bloss in USA
speiübel wird mir dabei
ich kenne die Geschichten
todbringende
ich weiss um die Gemordeten
dumpfe Dummheit erdenkt sich einen Satan
schleicht sich so aus der Verantwortung
für das
wozu wir Menschen fähig sind
Srebrenica und Holocaust
35
Wenn möglich leicht
Ein Federchen am Boden
am Eingang zu Rehatechnik
habe vor
auf eigenen Beinen
weiterzuleben
habe vor
auf eigenen Beinen
weiterzuleben
federflaumig nicht
wenn möglich jedoch
ohne Bandagen
34
Schleuderkurs
Der Anruf
des leidenden Freunds
lastet
noch klingen
Lachen und Heiterkeit
von gestern
Hochzeitstafel
Krankenbett
Schleuderkurs
gefragt
ungefragt
mittendrin
33
Gebälk
Es knirscht und knackt
in Schulter und Nacken
kracht
wie das Gebälk
im Haus wo ich einst wohnte
das Haus
lebt weiter ohne mich
es wird mich überleben
bis auch es
zerfällt
in Asche wie ich
32
Hier ist nicht dort
Die Hitze ist gewichen
die knallende Helle auch
es atmet sich leichter
geschwunden ist
was an Mittelmeergefühl
sich breit gemacht
geblieben eventuell
ein Sehnsüchtlein
nach Salz und Wellenrauschen
und die Einsicht
diesem Sommer zu Trotz
hier ist nicht dort
Intermezzo zum Nationalfeiertag


…wieder einmal anpacken und zufrieden sein, dass wir hier leben dürfen.
31
Geparkte Autos reflektieren
Oben
im hellen Rechteck
an der Stubenwand
tanzende Figuren
übereinander geschoben
Schatten
Rebenlaub Rebenranken
luftlichtige Illusion
im Flirren
verbleichend
30
Sachlich 42×56 33×41 24×30
Passepartouts mit Rückkarton
alle säurefrei 70×100 60×80
gratis abzugeben
Reaktion null
niemand will
Gesicht zeigen
heutzutage
will sich niemand
chic gerahmt sehen
Maskenbluff
wie üblich
aber sofort
säurefrei und steril
man zeigt
jetzt die Füsse
Schuhnummern als
Freundlichkeitsquotient
abzugeben auch
diverse Löschpapiere A4
Plexigläser 15×24
als Masken- oder Brettersatz
29
Marias Seufzer
Sie ist gestorben
jetzt muss ich
die Uhr aufziehen
sie war besorgt
für die Zeit
ich für das Geld
jetzt hängt die Zeit
nur noch an mir
bis ich sterbe
28
Überlegen
Stelle dir vor
die Schwebefliege
schaut dir in die Augen
wartet auf einen Satz
du sagst ihn nicht
sie wundert sich
über deine Unfähigkeit
ins Gespräch zu kommen
ist ihr Mimikry
nicht Aufforderung genug
zu fragen
wer bin ich bist du
deine Ignoranz
hält dich für überlegen
der Horizont ihrer Art jedoch
ist ein anderer
er liegt Millionen Jahre
vor deiner Art
27
Quelque chose approche (Christiane Veschambre)
Etwas
wird
wird sich
öffnen ohne Zutun
aus dem Schatten gleiten
aus der Hitze tropfen
pulsieren
langsam
fallen wie ein Kiesel
und bleiben
fliessen
fliessen
du wartest bis
es dein Etwas ist
keines andern
26
Dilemma des Agnostikers
Ich habe im Halbschlaf
über Schwebefliegen nachgedacht
ich nehme mir vor über sie zu schreiben
beim Frühstück im Garten
steht eine direkt vor meinen Augen
Stehfliegen ist ihr anderer Name
das Kostüm ähnelt den Wespen
sie sind aber nicht stechend
sie seien Nützlinge heisst es
Falter Mücken Florfliegen
sind mir in letzter Zeit
unerwartet nahe
bewundernswerte Tiere
oder soll ich sagen
Geschöpfe
25
Totentänzlein
Nun
tanzen wir weiter
als wäre nichts gewesen
die Pest ist vorbei
erwischt hat sie andere
heute rot morgen tot
so war’s schon immer
24
Wünschlein
Die Ausdauer
des gurrenden Täuberichs
möchte ich haben
und das Lied der Amsel
23
Gedanken schauen
Müde
coronablockiert quasi
suche ich
für meine Gedanken
Anderes
Aufgaben oder Spielwiesen
flögen sie wie der Weih
Wahnsinns Perspektive
lass das
da sitzt
eine kleine Fliege
eine sehr kleine
tupft mit ihrem Rüsssel
meinen Zeigefinger sauber
gedankenverloren ich
sie auch
scheint mir
ich schaue bloss
22
O Tempora
Glockengeläut
wenn überhaupt nur zaghaft
Liturgie in leeren Kirchen
und Schau-Abendmahl
abgekartet
von gottlosen Geheimbünden
heisst es und schon
haben wir die neue Religion
mit lauten Anhängern
die wissen wo Gott hockt
endlich
Halt
in gottfernen Zeiten
21
Geerbt
Geerbt eine Tischdecke
mit einem Muster
wo rote gelbe grüne Linien
weisse Felder umfassen
beim Bügeln dieser Tischdecke
bin ich abgedriftet
habe zwischen den Linien
Gärten wachsen lassen
mit sprechenden Blumen
Gärtchen voll Vogellieder
einen Brunnengarten
spiegelnd Himmelsblau
und Sternennächte
Grossmutter
lass mir die liebe Illusion
schon du habest
diese Gärten geträumt
20
Weg damit
Heute
habe ich Erinnerungs-Alben zerschnitten
habe Fotos weggeworfen
wusch fort mit Ausstellungsbelegen
mit Schülergedichten aus den 60ern
mit Anerkennungs- und Danktexten
wie frei es sich atmet
unbelastet
zum Apéro und zu Tisch
dann
geht’s es an die kostbaren Stücke
weg damit
was soll der Brief das Bild
dein Herz hängt nicht mehr dran
und deinen Nachkommen wird’s egal sein
über die Schulter
werfe ich nette Tage
Hübsches in den Eimer
mir bleibt genug
Freundinnen und Freunde>
Kuss und gutes Wort
euch behalte ich
und dich meine Liebe
19
Altersweisheit und Güte
Zurückgebunden durch Corona
verführt durch die freie Zeit
habe ich in Stössen alter Fotos gewühlt
Grossvater samt Tabakpfeife
mit Grossmutter auf der Bank
umringt von Kindern
gemütvolle Szene
eines verdienten Lebensabends
längst habe ich aufgegeben
Tabakpfeife zu rauchen
was gebe ich für ein Bildchen ab
mit Ruhe Herzlichkeit Mitgefühl
ein gemütvolles
für die Nachkommen
in Radlerhose und Sneakers
auf den Lenker gestützt
lächelnd
rüstig in Berglermontur
mit Alp Hintergrund
lächelnd
am Schreibtisch
konzentriert mit Laptop
aber gütig lächelnd
vielleicht
18
Verstehen
«Dabei ist das Nicht-Verstehen ja nicht die Ausnahme, sondern die Norm des Lebens»
Fritz Senn in NZZ 21.1.11
Wie nun ist das zu handhaben
ich ergebe mich
nixverstaan
keine Frage mehr
vor Augen
den möglichen Zusammenbruch
unseres Finanz- und Wirtschaftssystems
weiter fragen
die Nachmittagssonne
legt mir
Blickwechsel nahe
aus dem Spalt
zwischen Steinplatten
ein bescheidenes Büschelchen
Veilchen
17
Seuche und kein Ende
Der Himmel ist blau
das Wetter ist schön
es geht etwas Wind
es ist ruhig Johann W.
relaxed im Garten
geniesse ich
Stille und Bläue
Ostern
kein Pudel ist in Sicht
der Teufel kreist
als Pleitegeier
der Nachbar weiss nicht
ob und wie
sein Laden überlebt
lieber Goethe
hast du vielleicht Kontakt
zu einer netten Dame droben
die dem Chef den Satz entlockt
ihr seid gerettet
würd mir echt helfen
diesen Frühling weiterhin
zu schätzen
16
Wo nachschlagen
Grossartig überwältigend
oder ähnlich
passt für diese Frühlingstage
man möchte die ganze
Welt Natur Landschaft
oder ähnlich
einatmen umarmen
in sich neu aufstellen
oder ähnlich
in Herz und Seele
einen blühenden Garten
eine Blustbaum voll Vörgel
wachsen einfallen lassen
oder ähnlich
wo soll ich nachschlagen
um definitiv
die richtigen Wörter zu finden
für diese Tage
15
Gleichgewicht
Bilder für
das Gleichgewicht
zwischen innen und aussen
diese Tage nun
machen Metaphern unnütz
du brauchst
etwas zu essen zu trinken
was auch immer
Brot Wasser einen Apfel
eine Stimme
aus dem Telefon
sagt ich höre dich
was morgen sein wird
ist offen
alles nur jetzt
14
Freundlicher Gruss aus der Isolation
Die Virus Seuche geht um
wär ich jung würds mich nicht kratzen
ich bin alt da beginnts zu denken
steht der Tod schon vor der Tür
und klopft
Ick stehe uff und kieke,und wer steht draussen? Icke.
die Berliner Klops Zeile trifft es
Salto rückwärts
so oder so
ich bin auch er
Freunde so ist es
Und das ist die ganze Klops-Zeile:
Ick sitze da und esse Klops. Uff eenmal kloppt’s. Ick sitze, staune wundre mir, uff eenmal jeht se uff de Tür. Ick stehe uff und kieke, und wer steht draussen? Icke.
13
Virale Langeweile
Leere Agenda
viel sehr viel Zeit
Langeweile ohne Grenzen
leere Regale
leer Reis Nudeln Mehl
nein niemand hungert
Toilettenpapier alles weg
vielleicht hilft zählen
gegen die Langeweile
250 Blätter pro Rolle
12
Worum geht es
Die Augen brennen
das Knie knirscht
ich bin lustlos
das Leseprojekt ist abgesagt
Viruspanik grassiert
worum geht es
alle Menschen sterben
immer sterben Menschen
alte Menschen sterben eher als junge
worum geht es also
mein Knie knirscht
so oder so
jetzt
habe ich Zeit
11
Nach Hause
Auf dem Heimweg
sah ich
zwei dürre Blätter
am Strassenrand
kurze Windstösse
liessen sie
drehen und hüpfen
eins übers andre
spielen als wäre es ihr Leben
zu Hause
im Briefkasten Werbezettel
ein Händler möchte
mein Auto kaufen
ich habe keines
auf Zettel zwei will
ein Unternehmen
mich beim Umzug unterstützen
ich will gar nicht umziehen
der dritte Zettel droht
Du bist schuldig vor Gott
Richtschwert und Bibel
im Bild verheissen
mir Hölle und Vernichtung
ich denke
an das heitere Spiel
der Blätter
und sage danke
10
Der verflixte Virus
Herta Müller erzählt eine kleine Episode, wo ihr ein Taschentuch
als saubere Sitzfläche auf einer Treppe diente.
In meiner Kindheit musste ich in der Schule montags
ein sauberes Taschen zeigen können
Heute soll jedermann beim Niesen
ein sauberes Taschentuch vor Mund und Nase halten
Hätten wir kein Burkaverbot wäre heutzutage
der Corona Alltag bedeutend einfacher
9
Roch
Heute Morgen habe ich
den Vogel Roch
gesehen
aus dem Zug
am Himmel kilometerlang
was für eine Gewalterscheinung
hilfreich drohend
sticht mit langem Schnabel nach Westen
unglaublich zart gefiedert aber riesengross
schiesst dahin zielsicher
um mich
alle mit Laptops und Handys
keiner sieht den Vogel
keiner bemerkt
dass er jetzt genau jetzt
die Lebenschance verpasst
auf den Flügeln des Roch
endlich
das Land der Seligen zur erreichen
8
Sturm
Wie wohltuend
hie und da ein Sturm
wie in diesen Tagen
bricht Abgestorbenes
aus Baumkronen
wirbelt es durch die Luft
wirft es hin wie es gerade passt
und ich bewundere
die Bruchstücke
ihre bezaubernden Flechten
die Moose die bizarren Gebilde
als wäre ein pfiffiger
Dekorateur am Werk gewesen
mir zuliebe
7
10.Februar Orkan Sabine
Aus den Herbststürmen meiner Jugend
sind Winterstürme geworden
stelle ich fest
was steckt noch im Alter
gewaltige Böen
schütteln die Fichte am Hang
aus den Ästen
Sturm Musik
bitte brich nicht
Wolkenberge rasen
morgen
soll der Sturm vorbei sein
6
Probleme
Probleme
sind genug da
echte
ob ich noch leben möchte
in der übernächsten Generation
ich weiss nicht
meine Katze äussert sich nicht dazu
sie frisst spielt und schläft
ich schreibe schon mal ein Klagelied
das entlastet
natürlich nützt das niemandem
ausser mir
ich bin ein Schönwetterphilosoph
5
Ach ja so war es
Erinnern
schwächelt
es mag am Alter liegen
allerdings
unerwartet schieben sich
Bilder Szenen vor
versunkene
ach ja so war es
war es so
war es
gestern oder damals
geschwätzige Alte
erzählen wieder und wieder
was sie glauben erlebt zu haben
flüchtige Bilder
Gedankenfetzen
Echos nur
4
Aus dem Fenster im Zug
Wolkengeschichten
mit fantastischem Personal
Drachen Riesenschnecken
Schweinerüssel
Schädel mit irren Physiognomien
gebläht aufgepumpt
im Handumkehren zerfallen
die Nase wird ein Schnabel
das Auge ein Rachen
schon wächst ein
Fisch zum Hasen türmt sich zum Elefanten
ich habe Stift und Block nicht bei mir
schade
3
Kalender Text
Gewidmet meiner Frau und allen Liebenden ob alt oder jung
Wir zählen die Tage nicht
an denen du mir fehlst
die Tage gehen so oder so
wir zählen sie nicht
nicht mehr
mag sein
dass sich manches verliert
langsam schwindet
was uns lieb war
so suchen wir nach Bleibendem
das uns hält
und uns freut einander
in die Augen zu blicken
wie immer die Tage kommen
dass du da bist
gibt ihnen Gewicht
2
Scherbenhaufen
Meine Scherben
von Glas und Flaschen
brächten Glück
ich bin gespannt
der prachtvolle Wintertag
heute
verheisst alles
die TV News jedoch
schütten
nur Scherben
1
Allen
Allen die mich mögen ein Lächeln
ein Augenzwinkern den Kritikern
Prost und zum Wohl
aber allen
das war 2019…
52
Aus Kindertagen
Was wünschte ich zurück
aus meinen Kindertagen
den Tannenbaum im Kerzenlicht
den Gabentisch
rundum Schwestern und Brüder
alle
die Mette
ich wünsche nichts zurück
als liebe Erinnerung
füg ichs zu vielen andern
und
lass ich es in mir ruhen
51
Konstanz im Advent
Klimperdiklimper
Räuchlein hier
Weihräuchlein dort
Kerzengeflacker
Lebkuchendurft
Bratenrauch
herzhafter Biss
ins Dünnele
50
Wintermond
Ich mag das Dunkel
und ich mag das Licht
hinreissend
der Vollmond
in der Winternacht
49
Lyriktrümmer aufgereiht
Dem Wald
mit
Haut und Haar
weichen
Schrittes
Windsäuseln
dem Fluss bis ins Meer
oder
dem abweisenden Fels
immer
den weichen Hügeln
zarten Brüsten der Erde
vor allem
dem Kinderlachen
48
Vielleicht die Sterne
Setzen Sterne
den Rahmen
Kühle und Weite
von Schönheit
woher
der Reiz
von Düften
von Farben
von Klängen
unterschiedlichen Gewichts
angeboren
gelernt
gegeben
wer hat mich so eingerichtet
Herkommen
Landschaft
der Tag der Geburt
ein heller Ostermorgen
muss es gewesen sein
dass ich den Farben anheimgefallen bin
47
Nimm die Farbtabelle
Der Himmel brennt
brennt natürlich nicht
sonst wär er Hölle
nun aber
der Himmel brennt
so schaut er aus
der Herbst
wühlt in der Zauberkiste
und präsentiert uns Feuer
vor honiggelbem Firmament
grad jetzt
in einer halben Stunde
wird’s Aquamarin
mag sein Türkis
eventuell mit schwarzem
Wolkendrachen der Feuer speit
bedrohlich
im Wechsel mit Aztekengold
46
Die Spatzen (ein Geburtstagsgedicht für den Enkel Serafin)
Der Spatz der hats
im Herbst noch lustig
er pickt und frisst
er fliegt und saust
durch die Büsche
und manchmal
streitet er mit Kollegen
und zwar laut
kommt der Winter
wird es kalt
da frieren auch die Spatzen
sie plustern de Federn
und hocken nah zusammen
so haben sie warm
ich sitze wie die Spatzen
zu denen die ich gern hab
und die mich lieben
so haben wir warm
45
Die grosse Freiheit
Leere Stühle
noch Platz also
wollen wir uns setzen
drückt in den Schenkel
Kissen also
bitte
thronen
sitzen
hocken
Stuhl sei Dank
aufstehen
und weg
wir sind so frei
44
Kleine Freude
Die warmen Herbsttage
mochte ich schon immer
ich warte auf die Novemberstürme
mit Blätterregen und frühem Frost
wie viele Male habe ich das erlebt
immer mit etwas Herzklopfen
in der Vorfreude auf lange Leseabende
43
Ritornell
Wieso ertragen wir
die Dummen und Frechen
an den Hebeln der Macht
wie haben sie es dorthin geschafft
hinauf oder hinunter
Machtrausch Machthölle
wieso ertragen wir
diese Dummen und Frechen
wir lieben
frischen Wind um die Stirn
freien Geist
Füsse auf festem Grund
wieso ertragen wir
die Dummen und Frechen
42
Am Ende für + V. St.
Gehen
den Käfig verlassen
den selbstgefertigten
Zimmer Haus
Freunde
auf und davon
ausziehen
neu einkleiden
eintreten
ins Unbekannte
heiter und frisch
neu siedeln
wird schon werden
41
Noch mehr Fliegen
Mit neugierigem Respekt
betrachte ich
jene winzigen Fliegen
kaum grösser als ein Punkt
sie fliegen kopulieren fressen
in Scharen überfallen sie meine Küche
flüchten blitzschnell
will ich sie erschlagen
wie rasch doch mein Respekt
mutiert in Mordlust
wunderlich
fast schäme ich mich
40
Terra incognita
Noch sind
Landstriche zu erkunden
sie liegen zwischen den Sätzen
wirf deine Wörter
verschwörerisch
setze Sätze
Wörtertürme
lege
Wortgirlanden
zwischen die Zeilen
39
Fortsetzung mit Fliege
Die Sache mit den Ahnungen
von Herbst Winter etcetera
hat s ja in sich
sind diese Ahnungen eine Art
jahrzeitliches Bauchgefühl
oder
rumort es im Dichterbauch
nostalgisch nach Rilke
ach ein wenig Vergänglichkeit
hübsch morbid
passt zu Nebeltagen
zu älterem Jahrgang
und klingt verdammt ernsthaft
andrerseits
Fliegenleben sind kurz
meine sympathische Fliege
wird den Winter nicht überleben
38
Eigenartig Rührung
Eine schlanke Fliege
erkundet meine Hand
unerschrocken
sie scheint interessiert
und lässt sich kaum stören
durch meine Bewegungen
kümmert sie sich
um mich
ich bin irgendwie berührt
ist es mein Alter
oder
die Ahnung von Herbst
vielleicht eines ungewissen Winters
37
Mindestens
Täglich
die Pflicht
unaufgeregt
zu schauen
nachzudenken
nachzufühlen
und
furchtlos
sagen und tun
was ansteht
36
Innen und aussen
Allerhand
Sammelsurien
Berge von Weissichwas
über die Jahre
aussen
und
innen
die Sehnsucht
nach der Weite des Meeres
dem unendlichen Himmelsbogen
klingender Stille
35
Zwei und zwei
Zwei Kätzchen
zwei Mädchen
ah und oh
Amseln zetern
das Goldhähnchen
entwischt unter Stauden
golden und rot
oh
Kätzchen im Haus
Mädchen im Haus
ah
34
Die Stiefel
Wer besässe nicht gerne
die fabulösen Stiefel die
im Hui dich bringen von
da nach da
gegen alle Vorurteile
den Tritt in die weissen Flecken
deiner Biographie
hin und zurück
in Riesenschritten
33
Jetzt
Die Zeit wird knapp
das Ungewisse
ist das Gewisse
das Neue
ist schon
alt
32
Guten Morgen
Neben meinem Ohr
schnurrt ein Kätzchen
brummt ein Bär
knurrt im Traum der Löwe
ächzt die Haustür
seufzt der Stuhl
pustet pfeift und schnauft
hier dampft die Lok von Lukas
jammert das Täubchen
gurrt und gurrt der Tauber
ein Riesenschnarch
da knallts
und knattert wie ‘s Motorrad
guten Tag mein Schatz
da bist du wieder liebes Herz
31
Boot im Hafen
Netz
Drahtgeflecht
Lichtspiel
in ständigem Wechsel
auf der Bordwand
lichtadern
Lichtgarn
geknotet geknüpft
bleibt
keinen Lidschlag lang
Lichtspielzauber
30
«Trockenheit bahnt sich an»
Meteo SRF
Da
Äcker mit lahmem Gemüse
Schrunden Risse in der Krume
staubige Steppen
Strohwiesen
oder Wüste
schöne Wüste
unglaublich schön
noch sind da Bilder
sanfte Sillhouetten
Dünen als Akt
bizarre Felstürme
Tore Galerien Brücken
Sand
ocker porphyr henna
marmorweiss
Anthrazit Steinfelder
Antilope Giraffe Elefant
Rinder Jäger
auf Felsen
gezeichnet gehauen
Weite
und Stille
berückend und erhaben
was steht bevor
29
Der See heute
Hinter
hellgrünen Matten
der See
heute in Aquablau
oder ist es
Gletscherblau
vielleicht Vintage Light Blue
doch nicht etwa
Türkis oder Ozeanblau
auf keinen Fall
Kornblume und Himmelblau
auf jeden Fall aber
ein ruhiges Blau
und eigenartig
irgendwie überraschend
28
Schalter geschlossen (für E.B.)
Nach
irgendwo und nirgendwo
gibt’s heute keine Karten
du musst warten
vielleicht ist morgen
eine da
nach überall hin
und zurück
das wär ein Glück
die Karten nur für hin
die gibt es nicht
für dich
noch schwingt das Pendel
hin und her
27
Sommerabend
Laut singend
duellieren
zwei Amseln
Mauersegler
zersäbeln
den Abendhimmel
unverletzt
blau
wartet
das Firmament
auf den ersten Stern
26
Ohne
Spazieren frühmorgens
alle mit Hund
ich ohne
die alte Dame
nuschelt Unverständliches
klingt aber kritisch
mache ich mich verdächtig
ohne Hund
25
Nicht das Ende
Der Rhein tritt über die Ufer
der Dauerregen
spült deinen Schmerz nicht weg
lass dein Herz nicht ersaufen
man sagt bald werde es hell
und Blätter richten sich wieder auf
das Ticken des Tropfenfalls endet
morgen siehst du die Lastkähne wieder
24
Pfingstsamstagskonzert Komm Heiliger Geist (BWV 651)
Die Dame vor mir
liest im Bund
von SPD Krise und Trump
ich sehe es aus den Titeln
wir sitzen im Chor der Kathedrale
da plötzlich fegt
Bachs Komm Heiliger Geist
allen Mief aus dem Raum
23
Wörtersortierer
Wörter auf Linien setzen
eines manchmal zwei drei
stundenlang
wieder streichen und neue setzen
ein Stotterer
bis zum letzten Satz
22
Aktuelles auf dem Pult
Einladung zu Vernissage
Einladung zu Künstlergespräch
Einladung zu Buchkauf
Einladung zu Freilicht Ausstellung
und
drei Einladungen zu Essen und Wein
21
Mein Haustier
Ist klein
sehr klein
hat sechs Beine
hängt sich an die Zarge zum Esszimmer
auch an den Schirm meiner Mütze
baumelt und kraxelt blitzschnell hoch
am unsichtbaren Faden
Guten Morgen
Gruss am Mittag
zwinkert gute Nacht
denk ich
20
Wo ist der Gärtner
Die krausen Blätter auf hohen Stängeln
versprechen mehr als eine Mahlzeit
mit köstlichem Grünkohl
das Gärtchen an der Scheunenwand
hie und da sah ich den ältern Herrn
mit Bedacht darin arbeiten
heute überrascht mich eine gelbe Wolke
Blüten über Blüten des Grünkohls
wo ist der Gärtner geblieben
19
Postkarte im Mai
Auf meinem Arbeitstisch
die Venus von Giorgione
entspannt dösend
ich seh sie gerne
entspannt fast so wie sie
in unerotischer Heiterkeit
18
Ich hingegen
Kirschbäume in Blüte
es regnet nein es giesst
wie unpraktisch
die Natur
ich gäbe da
ein mildes Regenchen
mit genügend Sonne
17
Über mich selbst
‘Ob du dir selber ein paar huldvolle Verse ge(ver-)dichtet hast’
nein
habe ich nicht
huldvoll schon gar nicht
verdichten
tun sich in meinem Alter
bloss allerhand Leitungen in Bauch und Kopf
gesegnet und
mit grösstem Dank bedacht seien
nicht huldvoll sondern herzlichst
all jene die
noch durchlässig sind
von Schädel Kehle bis Darm und Zehe
16
Was hoppelt da
Im Frühling
möchte ich dies verschicken
mehrere Streifen Horizont in Türkis
drei Strophen Amsellied
von verschiedenen Sängern
dazu Meisenzirpen
Günsel und Dotterblumen
Bärlauchdüfte
und einen eiligen Osterhasen
15
Wenig
Man wünscht mir
langes Leben
Gesundheit und mach weiter so
ich wünsche mir
klaren Kopf für diesen Tag
und eine Hand
übers Haar zu fahren
wen ich liebe
14
Wieder
Blätter
Blüten
der Duft der Südbuche
Meisen in den Rosen
auf Rollschuhen
Mädchen
13
Trümmer
Wer rettet
Schönheit
aus tausend Jahren
Herkules
sortiere die Trümmer
und baue
12
Letzter Blick zurück
für Monika Schmid
Die Welt von gestern
geistert durch deine Träume
dein Vater
deine Mutter haben sie gekannt
haben gewusst wo Gott hockt
an ihrer Hand bist du
gewandert
durch Himmel und Hölle
durch den Rosenkranzgarten
zwischen den Erdbeerbeeten
und Kopfsalatalleen
im Flüstern des Engel-des-Herrn
und in der Furcht vor Stalins Kommunisten
Kronzeugen gottloser Verlorenheit
und sexueller Haltlosigkeit
gegenüber jedoch
die sichere Ruhe
des päpstlichen Ostersegens
der sonntäglichen Messe
samt Pfarrer und Kaplan
nun bist du alt
Geduld am Ende
Schweigen vorbei
deine jahrhundertalte Kirche
ein Trümmerhaufen
unglaubwürdig
lächerlich im Gehabe
beschämend
Leid tun dir
die Gutgläubigen
alle
ihr Fragen unbeantwortet
mit Dogmen weggewischt
heillos begraben
wie nur hat man helle Köpfe
domestiziert
Kinder abgerichtet
mit scheinheiliger Macht
schäbige Segenswelt
Strich darunter
11
Wörter ohne Inhalt
Die Passwörter von gestern
klappern noch als Worthülsen
flott gebraucht
von allerhand Jongleuren
mit und ohne Heiligenschein
Handliches wie
Freiheit
Unabhängigkeit
Wahrheit
Gott
10
Insel
Das Telefon
schweigt
gekappt der Draht zur Welt
bin nun
Robinson
09
Passwort III
Wir haben viel gehört
wir haben viel gesehen
wir haben Vieles erwogen
und Vieles gemacht
der Kopf ist voll
Lust Schmerz und Freude
gaben sich die Hand
tief liegen die Erinnerungen
das Herz ist voll
noch suchen wir
das Wort das alles in sich fasst
08
Passwort II
«Nein», sagt Ayelet. «Gott existiert nicht.»
Und sie brauche ihn auch nicht mehr. >Sonntag, 11.02.2018, 09:12 Uhr DRS
Sie hat das Passwort geändert
die Welt hat nun einen neuen Namen
nicht mehr Schöpfung
nur mehr meine Welt
mein Tag
diese Nacht
das Passwort
ich oder du
07
Von 8-21 Uhr
Im Zug
mit 20 Minuten
quer durch
etwas Alltag etwas Politik
etwas Stau etwas Szene etwas Sport
etwas Sex etwas Horoskop und Garfield
dann
Bus
Schneematsch
Kaffee und Tagblatt
Staubsaugen Salatteller
Siesta Kanapee mit Francesca Melandri
Alle, ausser mir
Telefonate und nochmals Kaffee
Waschmaschine ausräumen tumblern
News Tele Abendbier
was ist das Schlüsselwort
für diesen glücklichen Tag
06
Passwort I
Sesam öffne dich
jeden Morgen gesagt
und
schon ist die Sonne da
Regen oder Schnee
immer das Licht
Passwort
zu den geheimen Schätzen
des neuen Tages
05
Bruchlandung
Es beginnt im Kühlschrank
Überfluss oder Leere
Duft und Moder in der Nase
im Hirn ratterts von Versäumnissen
der Blick aus dem Fenster
TV News oder ein Anruf
wären Varianten
Decke oder Bad
retten dich
vielleicht ein Espresso
wieso juckt es immer dort
wo man nicht hin greifen kann
04
Was zu sagen ist
Du
bist
mir
ein Segen
03
Anderes Wortspiel
Wenn der Morgen eklig beginnt
etwa mit einem tollen Hexenschuss
wenn im ersten Anruf
du hörst von verbockten Menschen
von Krankheit Scheidung Lug und Trug
wenn dich weit und breit
wirklich nichts anlacht
beginnt da die Wortreihe etwa mit
pilzfaulig
scheisskotzig
und so fort
halt die Nase zu
mein Freund
schliess Aug und Ohr
kneif dich
dann stelle fest ich lebe
und freu dich
02
Jahrsauftaktwortspielerein
Morgentaufeucht
Heiterkeitspanne
stoppelsamtseidig
Glückskollision
Nebelvorhanglöcher
vollumrundetrund
schmetterlingsleichtluftig
Misserfolgsfreude
Wolkenbalkenfenster
01
Frisches Jahr
Vor uns liegt ein frisches Jahr
eingenebelt von Raketen
eingeknallt und eingeprostet
fürs Erste scheint noch alles scheint offen
es liegt an uns was werden wird
pilzglanzduftig
2018
52
Frage und keine Antwort
Wie ist das eigentlich gekommen?
Alles, was früher Weihnacht ausmachte, kommt jetzt vor Weihnachten…
Lassen wir‘s und schenken irgendwem eine kleine freundliche Geste.
51
Kerzen
Eine Kerze für alle Freunde
die nicht mehr sind
eine Kerze für alle Freunde
in Sorgen
eine Kerze für alle Freunde
in Schmerzen
eine Kerze für dich
ob ich dich kenne oder nicht
50
S isch halt e soo
Früener isch mr am Morge id Rorati
has gern gmacht und zwor jede Taag
hüt gang i no mengmol
sisch aber nüme sGliich
Gschichte dehender send
bleich worde
oder scho ganz veschwunde
so schmeggts halt nono e bitzeli
noch de säbe Chindheitserinnerige
au wennt nochher e Biberli zom Kafi nensch
wered die Geschichte nüme farbiger
s isch halt e soo
49
Bedrohliche Situation
In den Gassen wachsen die Tannenbäume
mit Plastikglitzer und Lichtergirlanden
überall Fest Fest Fest
feiere feiere geniesse
besoffen von Festlichkeit
benommen von Duftschwaden
träumst du
von einer nur einer Kerze
einem Glas Wein nur einem
oder zwei
und wartest aus den Bus
48
Am Anfang
Im Nebel wird alles zur Ahnung
er ist mild und gütig
nimmt dem Morgen die Härte
noch hat der Tag kein Gesicht
setz dich und
warte auf das Schlüsselwort
47
Wettersprüchlein
Der Sommer weiss nicht
ob er herbsten will
der Herbst bleibt Herbst
tut wie gesagt sein Bestes
der Winter grübelt
wie er’s nun haben will
und ich
sitz hier und warte
46
Respektabel
Der Herbst
macht einen respektablen Abgang
mit Wind und Farbe und Sonnenuntergängen
fotogen
wir Menschen mögen das
obschon
ich höre schon die ersten husten
so ist es nun
doch doch respektabel
45
Ach Rilke
Der Tisch ist kalt
die Heizung spinnt
die Finger klamm
ich denk an Sonne
oder heissen Tee
Gedanken drehen Pirouetten
Zeitung
gelesen ist gelesen
wahr ist
hier ist es kalt
44
Im Deutschen Theater
Herr Hartmann
hat eine gute Idee
er inszeniert Hamsuns Hunger
die Schauspieler
tun dies und das sagen oder schreien dies und das
der Zuschauer
schaut und denkt
greift nach Gesten und Wörtern puzzelt im Kopf und
kriegt die Sache einfach nicht hin
die verdammt gute Idee
43
Einfall beim Suchen nach passenden Bildern
für Menschen vor einem polnischen Heiligenbild
Bei Recyclern finden sich grosse Ballen
gepresst aus Papier aller Art
sie sind gesprenkelt und wirken kompakt
ich vermute von beträchtlichem Gewicht
zusammengehalten von irgendwelchen Bändern
löst man sie
zerfällt der Block früher oder später in seine Bestandteile
42
Zwölfter Oktober 2018
Drei Spatzen flitzen über meinen Kopf
ich spüre den Wind
es sind die frechen heiteren Gesellen vom Sprengelpark
Teil einer grösseren Gang
täglich überrascht und erheitert
durch ihre unverfrorene Lebendigkeit
mein Gott wie gerne wäre ich
ein Mitglied ihrer Bande
flöge Passanten um die Ohren
zeterte stritt lümmelte
frässe von Boden und Tisch
grad wies kommt
bis zu jenem Frühwintertag
wo man mich fände
reifüberzogen im Laub
41
Reisen bildet
Bei Unsicherheit
fragen Sie die Durchsetzungsstelle
oder informieren Sie sich in der Brotmeisterei
oder im Sekretariat des Backwarenzusatz-Verbandes
40
An der Böschung
Ein Bagger kratzt die Böschung frei
schiebt Strünke zu Haufen
Wurzelstöcke beten die Wolken an
und warten bis der Blitz sie trifft
39
Nostalgisch
Wenn der Sommer
in den Herbst kippt
mit Früchten und Farbe
wenn Böen
Baumkronen leeren und
zum ersten Mal morgens
der Gedanke an Handschuhe
dann sagte du vielleicht
war ein guter Sommer
und fröstelnd
hörst du schon
wies knistern im Kamin
38
Sommer Grandezza
Unheimlich schön spiegelt
der Teich
Schilf Wald und
den makellosen Himmel
als wäre er selbst
nichts mehr und nichts weniger
als die Mitte der Welt
37
Nicht die Tauben von San Marco
Frühmorgens
gurren Tauben
kleine Motoren auf der Dachrinne
nervig und
du denkst an gebratenen Tauben
Frühstück gefällig
direkt ins Maul
wenn sie doch sängen wie Amseln
tschilpten wie Spatzen
nein nur grugrugru
wären hilfsbereit
wie bei Aschenputtels
zu Erledigendes erledigend
die Papierstösse sind beträchtlich
vielleicht aber sind sie
mahnende Stimmen
Urenkel jener Taube
am Jordan
ach was arschfrech sind sie
ungeniert wie die Tauben am HB
Fressbares suchend zu Fuss
zwischen den Beinen der Passanten
36
Auch die Saurier
Ein sonniger Morgen
und Tauwiesen
prachtvoll
über dem See dicker Nebel
am Radio miese Nachrichten
aber die Saurier
sind schliesslich auch ausgestorben
35
Verpasst
Ich möchte diese zehn Sekunden
zurückdrehen
nochmals neu ansetzen
andere Wörter wählen
und dann
ein Lächeln auf deinem Gesicht sehen
34
Manager
Wespen
Räuber am Tisch
fallen ein
zwacken von Schinken und Käse
hauen schwer beladen ab
und sind schon wieder da
unverfrorene schön gestylte Bande
ohne Gewissensbisse
33
Rang 4
Wie vertraut ist mir
Rang vier
das Podest knapp
aber eben verpasst
Kunst
braucht langen Atem
und Zufallsglück
32
Nachtrag zum Nationalfeiertag
Passabler Patriot
geübter Leisetreter
Faustimsackmacher
Stammtischrebell
31
Der rote Mond wandert
Der rote Mond am Firmament
jetzt
sitzt er auf der Flasche
Olivenöl aus Griechenland
rot in die Küche
abgewandert
allerdings
dorthin von Bertàs Monprà
Grappa
für Richard und Walter
wo er
als Rosamond
von ihren Wangen strahlt
30
Die Kirschen
O diese Kirschen
wann gab es sie so prall und saftig
Johannisbeeren hübsch aufgereiht
immer noch Erdbeeren Himbeeren
ein unglaublicher Sommer
abgeerntet das Getreide
langsam kriecht Trockenheit ins Land
was wird noch
29
Kleine Trouvaille bei Apuleius
Wohl nur von einer Göttin zu sagen
…zuweilen tanzte sie alleine mit den Augen
oder von Kindern
bevor sie
erneut versinken
im Spiel
(Apuleius. Metamorphosen p. 317)
28
Das Tischtuch
Ein Tischtuch
weiss mit farbigen Streifen
ein Tischtuch für Abende im Freien
ein fröhliches Tischtuch
für heitere Sommertafeleien
ein Tuch mit Geschichte
erworben mit Sammelpunkten
gehütet von Grossmutter zu Grossmutter
drei verschiedene Rot
drei verschiedene Grün
zweimal Gelb
vierundzwanzig Quadrate
ungefähr tellergross
in einem ein Fleck
verschuldet von
Hans wars nicht Walter nicht
Regula auch nicht
wars am Ende gar
ich
27
Lenkerin
Die Gezeiten immerhin
haben etwas Verlässliches
der schöne Vollmond bringt sie
die Alten wussten
er ist weiblich
freundliche Göttin die alles lenkt
Isis oder Maria
26
Was nun
Herr Bischof mag Kondome nicht
er sagt man solle ohne
Frau Müller sagt zu ihrem Mann
was weiss der Bischof denn von Sex
heisst’s doch er lebe ohne
25
Orthografisches Spielchen
Im Dunkeln
hältst du meine Hand
umhalst dich meine
hält dich mein Arm
umhalst du mich
mit deinem
und hältst du
Hals an Hälschen
nahe den Ohren
ist aller Halt verloren
24
Beim Schwimmen
Der spiegelglatte See
zaubert um den Kopf verspielte Spinnereien
Mückenfangsaltos von Fischen
über den Schwimmern
Froschquaken
als frommen Morgengruss
Schwirrkratzen auf Glatzen
so sind Libellen
wie schön sichs auf dem Rücken treibt
oben grosses Wolkentheater samt Reiherflug
zufrieden in den Morgen gleitend
23
Juni
Wir sagen dir adieu
Maria Maienkönigin
der Flieder ist verblüht
der Mai vorbei
die Himmelslust
weicht nun der irdischen
nicht zu verachten
sind ihre Freuden
wir leben gern
und seh’n uns wieder nächstes Jahr
22
Unpassend Ende Mai
Ein schrumpeliges Weibchen geworden
war jung und anschmiegsam
dass jetzt in der Nähe
der Tod warte
mache sie nachdenklich
und ein wenig unsicher
vorüber vorüber
rühre mich nicht an
könnten nur junge Mädchen
rufen
mit allerdings mässigem Erfolg
21
Adieu
Du sagst adieu
gehst
und bemerkst kaum
das Ungeheuerliche
eines jeden Abschieds
20
Nachdatiert
Dieser Text kommt eine Woche zu spät
tut aber so als sei er rechtzeitig erschienen
die Ziffer machts und gauckelt dir das vor
was solls ich habe gelernt
von Politikern und Produktbeschreibern
19
Già la vita
Già la vita sta correndo
per le sue vie storte
quando con il sacchetto dei rifiuti
scendo le scale
con un pensiero in mente
ogni scalino spinge
verso il cancello
passo l’androne
raggiungo il cassonetto
alzo il coperchio e getto
del mio di ieri dentro
e guarito ritorno
dove tutto m’è noto
come straniero
dando uno sguardo al cielo
Gedicht des Freundes in Rom – Roberto Righi
18
Marienlob
Sie sagen dir
Jungfrau
Adams Sünde habe
dich nicht verdreckt
kleine Magd
junge Frau
uns hingegen hat es erwischt
sagen sie
man hat dich
Unbefleckte
hinaufgehoben
hoch über unsere Köpfe
da stehst nun
17
Dilemma in Rom
In Roms Kirchen
bleibt der Atem weg
weil Michelangelo
so blendend gehauen hat
Raffael so gekonnt
und Caravaggio
und weiss ich wer auch
so grossartig gemalt haben
ob all der Denkmäler
einst mächtiger Kirchenfürsten
die unbescheiden
an den Wänden kleben
weil aber
draussen
die Touristenwalze droht
atmet sichs dann
drinnen
doch wieder besser
16
Alles
Alles
muss man wieder ablegen
nach und nach
15
Wo ist der Himmel zu Hause
Anhimmeln
kennen wir
wie aber gehen
abhimmeln
vorhimmeln
einhimmeln
aushimmeln
durchhimmenln
was lieber Leser
wenn ich dich
einhimmle
genau jetzt
14
Erinnern
Der Frühling
holt versteckte Bilder der Kindheit
das kleine Rinnsal mit knallgelben Dotterblumen
das lustige Gemurmel am Wiesenrand
der Duft von Mädesüss
ein Bach ein Bächlein unter Weiden und Erlen
ein Laubfrosch
Krebse unter den Steinen
Larven der Köcherfliegen in ihrem gemauerten Panzer
ein Teich mit Fischen Fröschen Libellen
ein Molch mit orangem Bauch
Wasserläufer flitzen über Sonnenspiegel
13
Querer Gedanke
Schöne
junge Menschen
bezaubernd
Gedächtnisstau
krakelige Handschrift
Rückenschmerzen
wird trotzdem auch eure Zukunft sein
12
Glücklicher Morgen
Ein Mädchen mit Schulsack
trödelt in den Morgen
unversehens eine Pirouette
Buchfinken singen
zwischen den Wolken
etwas offenes Himmelsblau
11
Innere Freiheit
Kleine Lachen
im Kiesweg
spiegeln
Sonnenglaslöcher
die Menschen
gehen achtlos drüber
10
Grounding
Abwärtz
schwierig zu schreiben
tz wie z
die kleine Hand
setzt
zögernd
das Wort ins Heft
ts ts sagt der Alte
schreibs mit t und s
so bleibt noch Raum
z ist
Schluss fertig Amen
09
Kein Dilemma
Wenn
die Linke weiss
was die Rechte tut
sagt die Linke
Ist nicht mein Bier
am gleichen Körper
reiner Zufall
08
Lieber Freund
Lieber Freund
komm wir
wir bauen die Kulissen ab
vielleicht
sehen wir dann
wer im Schnürboden hantiert
07
Die Nebelwisser
Die Lust
am Nichtwissen
kalbert
Führer
06
Ernst der Dichter
Ernst findet ‚neulich’
nicht in seinem Vokabular
‚neulich’ sei neu
‚kürzlich’ passe ihm
ich ‚eben erst’ oder ‚letzthin’
‚kürzlich’ sagt er tut es
das Leben ist auch kurz
05
Auch ich bin ein Mann Herr Gomringer
Ich gestehe
ich mag Bäume
ich mag Alleen
ich mag blühende Bäume
ich mag Blumen
ich mag Blumenwiesen
ich mag Blumensträusse
ich mag Rosen auf dem Tisch
ich mag Frauen
ich mag junge Frauen
ich mag elegante Frauen
ich mag alte Damen
…in Berlin soll Gomringers schöne Avenidas-Gedicht übermalt werden, weil sexistisch…
04
Eine Verneigung vor der im Oktober verstorbenen Lyrikerin Elisabeth Heck
Bevor
ein Schritt
den neuen Tag
wie Glas
zertritt
Elisabeth Heck in Hauch in die Kälte (1995)
Die Buchhandlung zur Rose St. Gallen verfügt über Restexemplare verschiedener Publikationen dieser Dichterin.
03
Naturbelassen
Dass Milliardäre
Staaten leiten
verdient heutzutage
keine besondere Beachtung mehr
das wächst wie Unkraut
wilde Ruderalflora
Disteln zum Beispiel
hemmungslos aussamend
zu stachligem Paradies
02
Der Grossvater erklärt Serafin den lieben Gott
Das ist der Kirschbaum
der ist aus dem Kirschkern gewachsen
den hat ein Rabe ausgeschissen
der Rabe ist aus dem Rabenei geschlüpft
wer hat das Ei erfunden
den Raben erfunden
den Kirschbaum gemacht
das ist der liebe Gott
Der hat keine Hände
wie macht er es denn
er sagt es
er hat keinen Mund
er denkt es
er hat keinen Kopf
er ist der liebe Gott
er hat alles und nichts
er kann alles und nichts
er tut alles und nichts
er ist alles und nichts
so ist der liebe Gott
wir wissen
er hat den Kirschbaum gemacht
den Raben und sein Ei
wir kennen den Kirschbaum
die Kirsche und den Kirschkern
wir kennen den Raben und sein Ei
den lieben Gott
kennen wir nicht
er ist der liebe Gott
und den Kirschbaum hat er gemacht
01
Neujahrs-jaja
Das alte Lied
die alte Leier
Neues
eventuell
ja ja
2017
52
Jetzt
Punktgenau jetzt
genau jetzt
genau dies
und wieder genau jetzt
nach jedem Lidschlag ein neues BIld
wieder und wieder
genau jetzt
genau dies
51
Ihn
Sie sähen ihn gerne
den da
sie sähen ihn gerne leibhaftig vor sich
dann sagten sie
so ist also der da
jetzt kennen wir ihn
den da
ihn
50
Das Unerwartete
Dass zwei Nachbarinnen
morgens
ihre Federbetten ins Fenster hängen
gleichzeitig
wie ich
hat keine weitere Bedeutung
ebenso wenig
die Feststellung
dass mehrfach im Haus
gleichzeitig
die Klospülung läuft
das Unerwartete wartet weiterhin
Im Oktober ist die St.Galler Schriftstellerin Elisabeth Heck im 93. Lebensjahr leise von uns gegangen.
„Bevor / ein Schritt / den neuen Tag / wie Glas / zertritt“
Neun Wörter und was für eine Weite der Gedanken: da spricht Hoffnung, da spricht Vorsicht, da spricht Respekt und Behutsamkeit, da spricht Denken.
49
Tageslauf
Am Morgen sagt er Amen
als wäre der Tag schon gelaufen
als wäre getan was zu tun ansteht
am Morgen klappt er die Bücher zu
die er nachts nicht gelesen
verlässt das Haus
und denkt im Gehen Löcher in den Tag
48
Black Saturday
Die Türkränze sind verkauft
Mooskissen wären noch da
Biedermeiersträusschen
exotische Fruchtstände
Broze Kunstkitsch
eine Triefnase
für mich
47
Erinnerung an Wien
Ein Platz mit Wasserspiel
auf drei Seiten
Fin de siècle mit Rundtürmen
Pariser Attidüde
auf den Ruhebänken
Griechenland Balkan Türkei
46
Passt immer
Etwas leiser
vielleicht
gescheit geworden oder nur erfahrener
Haar weg
allenfalls schütter
vorsichtig
oder wackelig
der Gang
alles mit etwas
etwas passt immer
45
Zuwendung
Ja
was
hast
du
denn
gegessen
44
Rückblick
Schon
wieder
Rückblick
rasend
der Zeitlauf
wieso sagen wir das immer wieder
wie gnädig ist doch
Vergessen
wie beruhigend die Gewissheit
auch das Schlimmste
nimmt ein Ende
43
Wir
Die Hinterlassenschaft
vergangener Jahre
sind wir
42
Eignet sich auch als Wurstpapier
Vor und nach der Wahl
Unterschieben
schieben
treten
vermuten
verschreien
versprechen
versprechen
vergessen
vermuten
treten
schieben
unterschieben
41
Gruss aus Wien
„Aufstand werden’s keinen machen, die Wiener, solange es Bier und Würstl gibt.”
ein schöner Satz
passt auch für Chinesen und Schweizer
sofern sie Würstl mögen
wie ich
40
Verstehen
Wir
warum
warum diese Welt
warum gibt es Leben auf der Erde
Theologen und Philosophen diskutieren
Physikern fehlen Antworten
momentan sagen sie
du blickst auf
Birnen
ein Baum voll Birnen
du stehst und du staunst
39
Bitte beeilen
Ich
warte auf
meine Altersweisheit
sie soll sich beeilen
ich bin bald achtzig
38
Herbst
Eine Blüte
am Apfelbaumzweig
probt den Frühling
37
Am Weg
Husch
eine Haubenmeise
grad neben mir
brechend voll rot
Apfelbäume
36
Gottes Frage
Du siehst nur Grau
es regnet und regnet
Sintflut
die Wolken kippen ihre Kessel
ich frage mich
wen soll ich da ersaufen lassen
die Es die Trs die Ks etcetera
oder
ihre Wähler
35
Eigenartig
Schädel
bleischwer
verschwitzt
dabei
wollte ich
luftig denken
heute
34
Nachtrag zur Kirchweih
Was sagst du nun
baroque is back
mit Fahne und Standarte
mit Hellebarde und Gardist
im Orgelgewitter
gerammelt voll
die Bänke
wie einst
wie einst
als draussen
der Höllenhund auf Säumige
luchste
potzhimmelherrgottsakrament
schon rochs nach Fegefeuer
gar nach Höllenbrand
keine Angst
jetzt sind alle friedlich
losgesprochen fromm
sehr nett und hungrig
nach Bier Wein und Wurst
im Haus voll Glorie Amen
33
Nach diesen Tagen
Bleibt noch
der Blick
auf die kleine Heiterkeit
auf drollige Missverständnisse
auf einen hie und da munteren Alltag
klagen was hilft das
32
Allerhand Bewegung
Die
Gletscher
schmelzen
die
Sportler
rennen
die
Zeit
läuft
31
Und ich
Wenn die Hügel
nicht mehr verbläuten
morgens oder am Abend
sich herausschälten aus dem Nebel
oder versänken ins Dunkel
nicht mehr
30
Letzte Wochen
Lange Sprossen der Rebe queren das Fenster
hangeln sich an Südbuche und Rose hoch
nahe am verholzten Stamm grüne Trauben
wieviele Wochen noch bis zur Reife
29
Ein Griff
So ist es
so war es
zum Greifen
nah
das Glück
28
Sprüchlein zur Ermutigung bei Gegenwind
Gegen den Wind
mit den Wellen
gegen Wellen von Wind
mit den Füssen in die Pedale
gegen Wind gegen Wind
wie die Wellen im Wind
27
Frage an den alten Theologen Werner
Es gibt keine Abkürzungen
sagst du
ins Paradies
ja
aber
Umwege
jede Menge
jeder dritte ein Irrweg
verschlungene Pfade
vorgezeichnet
in himmlischem Plan
heisst es
endloses
Rauf Runter
was nur hat den Planer getrieben
dir und mir das anzutun
und
wird dann
deine Tür auch meine
wenn wir Petri Schlüssel klappern hören
26
Mitsommer
Wenn
immer
Sonnenhelle liegt
auf Häusern und auf Strassen
und
Menschen
träge träumen
von langen Nächten
25
Für Trudi L.
Dem Tod
ein Lächeln
gegenübersetzen
voll Leben
24
Gestern Abend
Im Dunkelpurpur der Hügel
eine Handvoll
Lichtpunkte
23
Unerwartet ein Engel
Die Stimme
tat mir wohl
der Seufzer auch
und das Geständnis
ich weiss nicht wie ich es geschafft
ach Angela
du Swisscom-Engel
du hast ’s Problem gelöst
wie immer auch
es scheint vollkommen
sind auch Engel nicht
mir reicht’s
wenn sie so tüchtig sind
wie du
22
Wieder
Ein Morgen
das Licht
die Düfte
die Wärme
wieder
ein Tag
zu loben
21
Rosen
Rosen
die Illusion
heiler Welt
ich liebe sie
20
Verblichen
Man sagt
er sei
verblichen
entschwunden Gestalt
Gestik samt Laut und Farbe
du siehst vor dir die Urne
siehst ihn nur mehr
erinnernd und
erzählst dir selbst
Begegnungen mit ihm
in einem Jahr
rechnest du
seien auch sie
verblichen
so wie oben an der Säule
der Thronende
von dem niemand mehr weiss
wer er war
denkmalgeschützter
namenloser Schatten
19
Schön und gut
Gebt Raum
dem Schönen
und Guten
Bärlauch erobert
das Gärtchen
Maiglöckchen
nisten sich drunter
todsicher
18
Andernorts
Versuche zu vergessen
was ich so nebenbei
Im Netz
gelesen
das hatten wir doch schon mal
ich zapple im Netz
neue Untergänge
vor Augen
hinter mir
lässt Regen den Frühling platzen
andernorts blühen schon die Rosen
17
Verstehen
Verstehen
warum wir hier sind
warum gibt es die Erde
warum gibt es Leben auf der Erde
Theologen und Philosophen diskutieren
Physikern fehlen Antworten
momentan sagen sie
16
Osterrabatte
Newsletter
verheissen
neues Leben
In Haus und Garten
preisreduziert
Tauben ziehen Kreise
am Himmel
Pietros Colomba
zwinkert mir zu
noch ist Karfreitag
15
Gefällig
Kommentarlos
in den Frühling
gefallen
14
Sammeln
Noch trage ich die Hochzeitshosen bei Festen
man pflegt so auch älter noch Jugendresten
13
Kafffeesatz
Ein Satz
vor dem Kaffee
etwa
Frühlingswetter strahlt
im Satz
auch gelesen
12
Der Olivenbaum in Karres
3000 Jahre alt sei der Baum
sagst du
aus der Zeit von Homer
sagst du
verschlägt den Atem
mir Kurzatmigem
läse trotzdem gerne
in dem verwrungenen Stamm
von Aphrodite
und Sokrates
und ertastete
einen Vers der Ilias
11
Rinderphilosophie
Mein Enkel
mag Fleisch
nett
findet er
glückliche Rinder
nur
warum
schlachtet man sie
wenn sie doch
so glücklich sind
fragt er
10
Hinweis für Freunde
Falls ich eine rote Krawatte trage
bin ich noch kein Follower
von Trump
falls ich auf Raki verzichte
noch kein Anhänger
von Erdogan
und falls ich Gulasch esse
noch keine Verehrer
von Orban
allerdings
falls ich auch lüge
sind das meine ganz persönlichen
Lügen
09
Dilemma
Ich habe es ja immer gesagt
niemand hört mir zu
niemand
hat etwas gesagt
man hätte es ja hören können
08
Unverblümt
Feuchtfröhlich
den heiteren Aufstand proben
die Leute
einrastern
in Nette Langweiler und Scheisskerle
und ihnen
die Wahrheit
ins Gesicht posaunen
07
Taube oder Spatz
Die Taube auf dem Dach
kann mir gestohlen bleiben
ich
habe mich angefreundet
mit dem Spatz in der Hand
06
Den Namenlosen
Lokale Autoren
schreiben über Lokales
lesen in lokalen Lokalen
für Lokale
sie sind namenlos
und werden
bald vergessen
recht so
05
Winteridylle
Bergfahrt im Nebel
Talfahrt im Nebel
beschlagene Scheiben
die Hand reibt einen Sehschlitz
Fichten schneebedeckt
Wasserstürze
Zahnradrattern
wieso bin ich nicht im Rössli eingekehrt
04
Meine Fingernägel
Meine Fingernägel
erinnern mich
an meinen Vater
er mag um die 60 gewesen sein
erinnern mich an seine Fingernägel
breit hart etwas brüchig
mag sein bäurisch
sie sahen nach Arbeit aus
der Vater war Beamter
kein Bauer aber verbunden
der bäuerlichen Herkunft
sie war ein Milieu geblieben
er baute Ställe für seine Buben
schnitzte Kühe und Pferde
Bauer ist keiner geworden
von den Söhnen
geblieben sind uns
Hände mit breiten Fingernägeln
brüchig geworden
vom Schreiben und
vom Blättern in Büchern
wie er es auch zu tun liebte
03
Frühe Planung
Zwei Wochen
schon
sind zu ordnen
eventuell
Sicherheitszonen zu benennen
und Tummelwiesen
für die Liebe
02
Fragen über Fragen
(ausgelöst durch die Tatsache, dass sich unter den Umschlag meines Buchs Von der Liebe ein Buchinhalt von Peter Weibel eingeschlichen hat – ein sehr schöner zwar, aber halt nicht meiner…– Bitte schickt was falsch ist zurück an: mich/Verlag/Buchhandlung – alles wird ersetzt.)
Ist das der Wolf
im Schafspelz
ein Schaf im Wolfspelz
echter Wolf im Wolfspelz
ein falsches Schaf im Pelz
immerhin ein Schaf
oder ists
ein postfaktisches
Fake
weder Schaf noch Wolf
01
Lachen
Eine Träne
fürs alte Jahr
noch keine fürs neue
Lachen
steht bereit
weiss vom Weinen
bleibt
und
lächelt